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127 Hours

Ohne auch nur einen Menschen zu benachrichtigen macht sich der abenteuerlustige Aaron Ralston (James Franco) auf in die Berglandschaft von Utah. In einer kleinen abgelegenen Schlucht gerät der Bergsteiger jedoch in eine lebensbedrohliche Situation, als ihm ein abstürzender Felsbrocken auf den Arm rollt und ihn scheinbar ausweglos gefangen hält. Ausgerüstet mit kargem Proviant und einer dürftigen Ausrüstung versucht Ralston zu überleben. Sein einziger Kompagnon ist ein Camcorder, mit dem er die qualvollen Stunden bis zu seiner aufreibenden Befreiungsaktion für die Nachwelt dokumentiert. Zwar muss er dabei mehr als nur Schweiß und Blut lassen, wird aber um eine wichtige Erkenntnis bereichert…

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Das Drehbuch basiert auf Aaron Ralstons 2004 publiziertem Buch Between a Rock and a hard Place (deutscher Titel: Im Canyon) und wurde von Danny Boyle und Simon Beaufoy, die 2008 für Slumdog Millionaire den Oscar für den Besten Film erhielten, für die Leinwand adaptiert.

Basierend auf einer wahren und übermenschlich wirkenden Geschichte, macht Danny Boyle mit seinem gutgewählten Darsteller James Franco eine One-Man-Show. Die meiste Zeit über sehen wir nur ihn: Einen Menschen, der angesichts der totalen Konfrontation mit der eigenen Person eine innere Entwicklung durchmacht – was für einen Film immer eine besondere Herausforderung bedeutet. Danny Boyle versucht diese Problematik mit Rückblenden und Traumsequenzen zu lösen. So erinnert sich Aaron Ralston an die letzte Beziehung, an seine Familie, an verpasste Chancen und an die zwei Amateur-Bergsteigerinnen, denen er vor seiner Begegnung mit der Felsspalte mit einem blasiertem Grinsen die Bergwelt erklärte.

Mit einem „Ooops“ fängt es an. Das ist das Wort, welches Aaron mit halber Ungläubigkeit angesichts seiner abstrusen Situation aus dem Mund purzelt: Sein Arm steckt unter einem enormen Felsbrocken und er selbst hängt an ihm und einige Meter über dem rettenden Boden. „Ooops“ – In diesem Wort steckt die Art von Zugeständnis, die alles gnadenlos offenlegt. Mit diesem Wort James Franco - 127 Hours - Szenebeginnt auch für den Zuschauer die Metamorphose des Helden, der – anfangs noch ein unzugänglicher Draufgänger – im Laufe des Films zwar glücklicherweise nicht zu einem typischen Hollywoodhelden mutiert, aber es immerhin zeitweise schafft, Respekt zu erzeugen. Es handelt sich um Respekt vor einem Menschen, der in der absoluten Zurückgeworfenheit auf sich selbst die eigenen Fehler gnadenlos aufdeckt, sich an ihnen abarbeitet und dadurch neue Kraft schöpft. Einen Menschen, der scheitert, weil er bei aller Unabhängigkeit und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung nicht mit einem wichtigen Hindernis gerechnet hat: Sich selbst.

Aber das „Ooops“ springt dem Zuschauer von 127 Hours schon früher vor die Augen. Als er nämlich zu Beginn des Films von einer offensiven Videoclipästhetik heimgesucht wird, die ihm vermitteln soll, mit welcher Sorte Held er es in den folgenden 90 Minuten zu tun haben wird. Oberflächlich und ungebunden räumt dieser den eigenen Bedürfnissen absoluten Vorrang ein. In Zeiten ständiger Erreichbarkeit und permanenter Vernetztheit verzichtet er darauf, sich mitzuteilen und katapultiert sich damit in den Schlund der eigenen Vorhölle. Boyles unmissverständliche Botschaft, die Rückbesinnung auf die Gemeinschaft und Familie, gerät zuweilen in kitschige Gefilde, die durch eine Portion Fatalismus gegen Ende des Films dem malträtierten Publikum bitter aufstoßen kann.

Andererseits: Es gibt Menschen wie Aaron Ralston, die sich immer wieder ihre Eigenständigkeit unter Beweis stellen müssen. Menschen, die sich nur auf sich selbst verlassen, weil sie Ungebundenheit mit Unabhängigkeit gleichsetzen und Hilfenehmen für sie Schwäche bedeutet. In der Auseinandersetzung mit eben jener Schwäche, keine Hilfe annehmen zu wollen, blüht der Film für einige Momente auf. Nämlich genau dann, wenn Boyle seinen Protagonisten mit der Videokamera zur Selbstreflexion zwingt. Dadurch erhält 127 Hours paradoxerweise einen Moment von Unmittelbarkeit, der dem restlichen Film fehlt. Denn die Selbstbefreiungsaktion eines Mannes, der 127 Stunden in einer Felsspalte klemmt, hätte durchaus auch Stoff eines knackigen Kurzfilms sein können.

Auch wenn die Anreicherung der Story durch Rückblenden und Traumsequenzen dazu beiträgt das Publikum auf Trab zu halten, sind diese Sequenzen lediglich in der Peripherie einer Geschichte anzusiedeln, die ohne sie einfach weniger filmtauglich wäre. Und das merkt man auch. Denn so schmerzhaft und quälend Ralstons Situation auch gewesen sein mag, spürt der Zuschauer diese nicht etwa durch Identifikation mit der Figur, sondern durch das Aussitzen eines mal aufwühlenden, größtenteils aber eher drögen Ein-Mann-Kammerspiels. Boyles Fokus liegt dabei nicht wirklich auf seinem Protagonisten, sondern auf der Beweihräucherung seiner eigenen Virtuosität.


127 Hours USA 2010
Genre: Drama
Originaltitel: 127 Hours Regie: Danny Boyle Drehbuch: Danny Boyle, Simon Beaufoy Darsteller: James Franco, Amber Tamblyn, Kate Mara, Clémence Poésy

Diese Review ist auch auf independentfilme.com erschienen.

Mother

Wie weit geht eine Mutter für ihren Sohn? Dieser Frage geht Bong Joon-ho mit Mother (2009) konsequent und kompromisslos nach – bis zum bitteren Ende.

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Dabei fängt Mother eigentlich ganz locker, ja sogar komödiantisch an, als der geistig herausgeforderte Do-jun (Won Bin) beinahe von einem Mercedes überrollt wird und sich daraufhin mit seinem gerissenen Kumpel Tae-Jin (Gu Jin) auf die Jagd nach den Fahrerflüchtigen macht, um diese in einem entlegenen Golfgebiet mit den eigenen Golfschlägern aufzumischen. Do-jun muss dann, wie wahrscheinlich schon oft zuvor in seinem 27-jährigen Leben, von der überführsorglichen Mutter (Kim Hye-ja) auf dem städtischen Polizeirevier eingesammelt werden. Do-jun ist ihr einziger Sohn und die alleinstehende Mutter hat es sich zur ultimativen Lebensaufgabe gemacht, ihn vor dem Bösen auf der Welt zu schützen. Fragt sich nur, wo das Böse ist – vielleicht sogar in Do-jun selbst? Der wird nämlich kurz darauf bezichtigt, ein junges Mädchen umgebracht zu haben. Zeugen sagen gegen ihn aus und auch weitere Indizien sprechen für seine Täterschaft, sodass ihn die Polizei schnell dingfest macht.Doch die Ordnungshüter haben nicht mit der zähen Mutter des Jungen gerechnet. Diese nimmt ihrerseits die Ermittlungen auf, bemüht einen ignoranten Anwalt und versucht verzweifelt, die Unschuld ihres Jungen zu beweisen. Dabei ist sie auch bereit, die eine oder andere bittere Grenze zu überschreiten…

Wir wagen einen Blick in den Trailer:

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Hintergrund:

Bong Joon-ho erregte 2006 mit seinem Monsterfilm The Host weltweites Aufsehen und gewann Kritikerlob und Publikumsbegeisterung. The Host ist bis heute der erfolgreichste koreanische Film aller Zeiten.

Mother war nicht nur als offizieller Beitrag Südkoreas für die Oscar-Verleihung 2010 nominiert, sondern gewann bei den Asian Film Awards 2010, dem asiatischen Oscar-Äquivalent, gleich mehrere Preise, darunter die Auszeichnung für Bester Film und Bestes Drehbuch. Außerdem wurde Kim Hye-ja, in Korea ein gefeierter TV-Star, als Beste Hauptdarstellerin geehrt.

Kritik:

Unerwartete Wendepunkte gepaart mit gelungenem Genremix, angereichert mit überzeugender Schauspielkunst und Bildern, die das Auge umschmeicheln – das alles ist Mother.

Es ist der vierte Langfilm des koreanischen Regietalents und nach The Host, der zweite „Monsterfilm“. Diesmal ist die Anklage gegen vertrackte Hierarchien und marode Institutionen eher nebensächlich. Vielmehr steht die dysfunktionale Mutter-Sohn Beziehung im Fokus des Filmgeschehens. An ihr arbeitet sich Bong Joon-ho anfangs noch mit viel Witz und Ironie ab, bevor er ihr im Laufe der 124 Minuten immer groteskere Züge verleiht, und sie schließlich in einem überraschenden und gleichermaßen beklemmenden Ende gipfeln lässt. Von den zahlreichen Wendepunkten wirken einige wie dramaturgische Sackgassen – sie deuten zwar Spannung an, aber haben kaum Mehrwert und ziehen den Film in die Länge. Dennoch ist Mother ein sehr sehenswerter Film und Bong Joon-ho beweißt, dass er mit diesem Psychothriller und der großartigen Kim Hye-ja in der Rolle der Mutter durchaus eine Art weiblichen Oldboy geschaffen hat. Der Regisseur dieses Kultfilms, Park Chan-Wook wird übrigens Bong Joon-hos nächstes Filmprojekt produzieren.

Zu den Extras der DVD von Ascot Elite:

Bei dem Interview mit Bong Joon-ho handelt es sich um den qualitativ dürftigen Mitschnitt eines Podiumsgesprächs auf dem diesjährigen Filmfest München und setzt ein Publikum mit Ausdauer voraus, da die Übersetzung nicht simultan verläuft. Geduldige erfahren hier aber viel über die Motivation des erfolgreichen Regisseurs, über den Einfluss von Hitchcock in seiner filmischen Reifung und über Bong Joon-hos Zugang zur koreanischen Gesellschaft. Besonders gehaltvoll und knackig ist das Making Of, wo auf Drehortsuche und Setgestaltung eingegangen wird und man seitens zahlreicher Filmmitglieder kurze Einsichten über den Produktionsprozess von Mother erfährt. Behind the Scenes sowie Teaser und Trailer existieren nur in der koreanischen Originalversion und sind leider nicht untertitelt.

Mother Südkorea 2009

Genre: Thriller

Originaltitel: Madeo Regie: John-ho Bong Drehbuch: Eun-kyo Park, John-ho Bong Darsteller:Kim Hye-ja, Won Bin, Jin Ku

Dieser Text ist auch auf independentfilme.com erschienen.

Somewhere

Sofia Coppolas neuesten Film Somewhere (2010) haben wir mit Spannung erwartet. Seit dem 11. November ist er im Kino – ob er hält, was der Trailer verspricht, erfahrt Ihr hier!

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Der hippe Hollywood-Star Johnny Marco (Stephen Dorff) hat scheinbar alles, was man mit Geld kaufen kann: Semiprofessionelle Gogo- Girls tanzen auf Abruf und halbnackt in seinem Hotelzimmer herum, Papparazzi-Lieblinge tummeln sich auf seinen Parties und Johnnys Filme sind zumindest so erfolgreich, dass die Presseagentin seinen Hintern für bekriechungswürdig hält.

Doch irgendwie steht Johnny vollkommen neben sich. Und wer ist er überhaupt? Hat er neben einem vollen Geldbeutel irgendwas zu bieten, oder ist sein Dasein so sinnlos wie die ziellosen Runden, die er im schwarzen Ferrari auf den Highways um Los Angeles dreht? Die schlummernde Bitterkeit wird mit Alkohol und schnellem Sex narkotisert, Zerstreuung wird zum ultimativen Mittel gegen die Auseinadersetzung mit der eigenen Identität.

Erst als Tochter Cleo (großartig gespielt von Elle Fanning) Johnny besuchen kommt, wird er sich seiner Einsamkeit wirklich bewusst. Cleo, so scheint es, lässt der Ruhm ihres Vaters kalt– und genau dieser Umstand verringert die Distanz, die Johnny mittlerweile zu sich und seiner Umgebung aufgebaut hat. Immer ist er stiller Beobachter, als ob er nicht Teil seines eigenen Lebens wäre. Diese Momente der Reflexion breitet Coppola in langgedehnten und eindrucksvollen Standbildern aus. Niemals blickt man neidisch auf diesen armen, reichen Typen, der scheinbar nicht viel geleistet hat, außer andere Menschen und nicht zuletzt sich selbst zu enttäuschen. Doch kann man wirklich Mitleid für Johnny empfinden?

Irgendwie nicht so recht. Auch wenn einige Momente wieder den Indie-Geist erahnen lassen, den man an Sofia Coppolas Filmen so schätzt. Und auch wenn wir viele schöne Bilder vor die Augen geworfen bekommen, die von Phoenix stimmig vertont werden. Die inszenierte Distanz vereinnamt quasi das Publikum, sodass keine wirkliche Begeisterung aufkommen kann. Zumal schon zuviel Product-Placement diesen Film für sich beansprucht, als dass er wirklich Indie wäre. Dafür wirken Stephen Dorff und Filmtochter Elle Fanning umso besser platziert.

Somewhere zeigt die Krise eines Menschen, der eigentlich alles hat außer ein wirklich selbstbestimmtes Leben. Vieles wirkt jedoch zu konstruiert, sodass man vergeblich auf eine sich nicht einstellen wollende Dynamik warten muss. Mag sein, dass dies gewollt ist– die dabei aufkommende Langatmigkeit ist es wohl nicht, weil sie die zu vermittelnde Monotonie vielleicht andeutet aber nicht bezugsfähig macht. So schaffen es die wenigen Augenblicke, die wirklich berühren könnten, nicht, den restlichen Tran verdaubar zu machen. Übrig bleibt eine Menge Ballast und ein Ende, das ebenso uninnovativ ist, wie das Sujet des einsamen Schauspielers selbst. Die Bleibt nur fraglich, ob dieser augenscheinlich autobiographische Stoff wirklich auf die Leinwand oder eher in Sofias Tagebuch gehört…

Rubber

Über Mr. Oizo aka Quentin Dupieux ersten Kinofilm Rubber (2010) hatte ich hier schon berichtet. Nun kommt die Review zum aggressiven Reifen, der das Morden nicht lassen kann!

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Zum Plot:
Rubber handelt von einem Reifen (Robert) der langsam zum Leben erwacht, seine psychokinetischen Kräfte und daraufhin seine Lust am Morden entdeckt. Er lässt durch pure Willenskraft zunächst ein bisschen Müll und Kleinvieh zerplatzen, bevor er sich an größeres Getier und schließlich menschliche Wesen macht. Diese “Coming of Age”- Story ist eingebettet in eine weitere Geschichte – nämlich die der Zuschauer, die in der Wüste von Los Angeles den Killerreifen per Fernglas beim Morden beobachten. Schließlich finden beide Handlungsstränge zueinander und wir spähen in den aktuellsten Teaser:

Kritik:
Für Quentin Dupieux – das wird ziemlich schnell klar- ist Rubber eine Hommage an die Sinnfreiheit. Klingt zunächst spannend, verliert aber in Anbetracht des ständigen Bestehens auf Absurdität ziemlich schnell an Witz. So wirken Dupieux Bemühungen wie ein nervendes –weil streberhaftes– Aufbegehren gegen gängige Genrebestimmungen und gipfeln in der puren Lust an Selbstbestätigung.
Aus der überschaubaren Handlung, die zum Glück nicht ganz humorfrei ist, wäre wohl ein knackiger Kurzfilm geworden. Denn in 85 Minuten kann man sich trotz beeindruckender Optik und der netten Idee eines Killerreifens das sporadische Gähnen nicht verkneifen. Zumindest dreht der Sound am Kreislauf:

Fazit:
Obwohl er bereits als Kultfilm gehandelt wird, muss man Rubber nicht gesehen haben. Sollte Dupieux seine Attitüde loswerden und den dringenden Willen zur Absurdität in eine subtilere Form zwängen, darf man auf sein nächstes Filmerzeugnis gespannt sein!
Der Film war bislang nur auf Fantasy-Filmfestivals zu sehen, ob er einen deutschen Kinoverleih findet, ist unklar.

The American

Am 16. September kommt The American (2010), Anton Corbijns sehnsüchtig erwarteter zweiter Film in die deutschen Kinos. Ob er mit seinem erfolgreichen Erstling Control (2007) mithalten kann, erfahrt ihr hier!

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Eine fehlgeschlagene Mission in Schweden bringt den amerikanischen Profikiller Jack (George Clooney) zu dem Entschluss, dass sein nächster Auftrag auch sein letzter werden soll. Dazu zieht er sich in die Isolation eines Bergdorfes in die Abruzzen zurück und gibt sich bei den neugierigen Einwohnern als Naturfotograf aus. Er soll für die mysteriöse Auftraggeberin Mathilde (Thekla Reuten) eine maßgeschneiderte Waffe anfertigen. In einem abgelegen Haus abseits des Dorfes bastelt er mit fetischistischer Präzision an der bestellten Schusswaffe, deren Zweck ihm jedoch vorenthalten wird.

Und obwohl sich der Einzelgänger geschworen hat, keinen unnötigen Kontakt zur Außenwelt aufzubauen, verspricht das Intermezzo mit der verführerischen Prostituierten Clara (Violante Placido) mehr als nur geschäftlicher Natur zu sein. Doch wem kann Jack noch trauen? Berufsbedingte Paranoia und die dunkle Vergangenheit stacheln sein Misstrauen an und die idyllische Berglandschaft beginnt, zum zwielichtigen Gefahrenherd zu mutieren. Un nun ab in den Trailer:

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Hintergrund:

The American basiert auf dem erstmals 1991 erschienenen Roman von Martin Booth mit dem Titel A Very Private Gentleman. Seit 2010 ist das Buch auch in deutscher Sprache erhältlich.

Die Filmmusik stammt aus der Feder von Herbert Grönemeyer.

Wie bei seinem Erstlingswerk Control, hat Anton Corbijn die Dreharbeiten zu The American in dem Bildband „Inside the American“ festgehalten; einen Teil davon kann man sich auch auf dem Blog zum Film anschauen.

Kritik:

Nach seinem erfolgreichen Debüt, dem Musikdrama Control, in dem Anton Corbijn den Sänger Ian Curtis von Joy Division mit einnehmenden Bildern auf seinem Weg zum Ruhm bis zum frühen Tod inszenierte, wendet er sich mit dem Thriller The American einem gänzlich anderen Genre zu.

Wieder lässt der frühere Starfotograf Bilder sprechen, Dialog setzt er nur sparsam ein. Die raue Schönheit von L’Aquila –zu Drehbeginn von einem der heftigsten Erdbeben der Region geschüttelt– dient Corbijn nicht etwa als bloße Szenerie, sondern spielt neben Clooney quasi eine zweite Hauptrolle. Doch schaffen die ästhetischen Landschaftsaufnahmen The American zu einem gelungen Thriller zu machen? Eher stehlen sie der Handlung die Show. Denn ein Mann, der in der Fremde versucht, ein neues Leben aufzubauen und von seiner Vergangenheit eingeholt wird, bietet nicht wirklich revolutionäres Kinomaterial.

Von der Struktur her gleicht der Film vielmehr einem altbekannten und überholten Genre: dem Western. Nun wäre das an sich nicht schlimm, wenn Corbijn das Material innovativ umgesetzt hätte, statt zu sehr auf das Pendeln zwischen langatmigen Detailaufnahmen des MacGuffins –in diesem Fall der Waffe– und den ästhetisierten Landschaftsinszenierungen zu setzen. Zudem spielt Clooney hier nicht wie gewohnt den smarten Charismaten, sondern einen unscheinbaren Einsiedler– und das macht er so gut, dass man ihm am liebsten nicht zu Nahe kommen will. Schon zu Filmbeginn distanziert der Zuschauer sich vom Filmhelden und findet nicht zu ihm zurück.

The American
Jack entwickelt sich zu einer etwas faden Figur, während die weiblichen Charaktere stereotype Rollen verkörpern dürfen. So wird dem männlichen Part einerseits Clara an die Hand gegeben: Eine warmherzige Prostituierte, die in Jack stillschweigend ihren Seelenverwandten sieht und den Zuschauer mehr durch Erotik als Eloquenz überzeugt. Daneben bleibt Mathilde als kühle und unberechenbare Waffenamazone eher gesichtslos, anstatt einen gelungenen Gegenpart zu Jack zu bilden.
Dennoch sind die Schauspieler nicht Schuld an der Mittelmäßigkeit von The American. Sicherlich geht die gemütliche Dörflichkeit gepaart mit dem Thrillerplot eine ergiebige Symbiose ein und verleiht dem Film die nötige Spannung. Doch der Esprit von Control fehlt gänzlich. Was bleibt ist ein optisch ansprechender und gutbesetzter Film, der vielleicht Reisefieber weckt, jedoch aufgrund der überholt wirkenden Handlung dem Anspruch an Corbijn nicht gerecht wird.

Diese Review findet ihr auch auf independentfilme.com, wo es in Zukunft öfter mal was aus meiner Tastatur zu naschen geben wird!

A Serious Man- ab 13. August auf DVD/Blu-ray

Ab dem 13. August lassen die Coen-Brüder mit A Serious Man (2009) den wohl bemitleidenswertesten Unglücksraben seit Peter Sellers in The Party (1968) auf die heimischen Bildschirme los. Eine ausführliche Review und was DVD und Blu-ray zu bieten haben, erfahrt ihr hier!

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1967, in einem jüdisch geprägten Vorort von Minneapolis ist Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) eigenltich ganz zufrieden mit sich und seinem monotonen Leben: An der Uni unterrichtet er Physik mit einer Leidenschaft, die sonst kein anderer mit ihm teilt, sein semi-debiler Bruder Arthur (Richard Kind) hat sich samt einer Nackenzyste in seinem Badezimmer eingenistet, Frau Judith (Sari Lennick) und die zwei Kinder leben jeweils im eigenen Mikrokosmos. Mittendrin und zugleich als Randfigur seines eigenen Lebens steht Larry Gopnik, dessen Charakter sich in der Oszillation zwischen bitterer Tragik und der daraus entstehenden Komik tief in unsere Filmorgane einbrennen wird- versprochen.

Denn das scheinbare Familienidyll wackelt gewaltig, als Judith die Scheidung verlangt, um mit Larrys Kollegen Sy Ableman (Fred Melamed) zusammen zu sein. Das ist nur der Anfang von Larrys Problemen, die an der Leine von Joel und Ethan Coen genüsslich und ausgiebig weitere Kreise um den Radius des korrekten Physikprofessors ziehen – auch die Rabbis seiner Gemeinde können ihm nicht helfen. Wo der Sinn des Schlamassels ist? Eben. Und nun ab in den Trailer:

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Nur die Hälfte verstanden? Für einen kostenfreien Jiddisch-Kurs bitte hier klicken:

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Die Coens bescheren uns mit einer ordentlichen Portion Humor, verschrobenen Charakteren und vor allem durch ihren zärtlich- zwinkernden Blick auf das Jüdischsein ein kultverdächtiges Sehvergüngen vom Allerfeinsten. Die Story um den geworfenen Larry Gopnik wird durch satte 90 Minuten DVD- Zusatzmaterial bereichert: Sehenswert ist neben dem gehaltvollen Interview mit dem New Yorker Theaterschauspieler Michael Stuhlbarg auch das Creating 1967-Feature, das den beeindruckenden Detailfetischismus der Coens bei der Erarbeitung ihres Settings zeigt. Und wieso Fred Melamed The Sex-Guy genannt wird, erfährt man ebenfalls! Hier die DVD- Koordinaten:

Regie/Drehbuch/Schnitt: Ethan Coen, Joel Coen
Kamera: Roger Deakins
Musik: Carter Burwell
Hauptdarsteller: Richard Kind, Michael Stuhlbarg, Fred Melamed, Sari Lennick, Simon Helberg, Adam Arkin, George Wyn
Produktionsland: USA (2009)
Länge: 98 (Min.)
Erschienen bei: Universum Film
Bildformat: 16:9
Ton/Sprache: Dolby Digital 5.1, Deutsch, Englisch
Extras: Featurettes, Trailer & TV-Spots (dt./engl.), Interviews, B-Roll, Making Of

Inception

Ist Christopher Nolans Über-Blockbuster Inception (2010) wirklich so gut, wie alle sagen? Hier erfahrt ihr es!

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Auf das Wesentliche runtergebrochen erzählt Inception die Geschichte eines Mannes,  dessen innere Konflikte sich an den Grenzen von beruflichen und privaten Fehltentscheidungen entfachen und nach außen strahlen- und das machen sie ziemlich imposant, ab in den Trailer:

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Normalerweise hackt sich Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) in die Traumwelten seiner Opfer ein, um ihnen im Auftrag von Geschäftsleuten wichtige Geheimnisse zu entlocken. Weil er sich damit an den Grenzen der Kriminalität bewegt, wird er vom FBI gesucht und ist zum ewigen Berufsnomadentum verdammt. Diesmal soll er den Konkurrenten des japanischen Großunternehmers Saito (Ken Watanabe) dazu bringen, den vom Vater geerbten Großkonzern zu zerschlagen.

Anders als sonst muss Cobb, statt Geschäftsgeheimnisse zu extrahieren, eine Idee in das Unterbewusstsein seines Opfers einpflanzen. Was für ihn dabei rausspringt, ist die Erfüllung seines Traums: Die eigene Familie endlich wiederzusehen.

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Für diesen heiklen Job rekrutiert Cobb ein hochqualifiziertes Team von Traumdesignern (Ellen Page, Joseph Gordon-Levitt, Tom Hardy, Dileep Rao). Um die Idee sicher zu platzieren beschließt die Crew, mehre Traumebenen ineinander zu verschachteln, also einen Traum in einen Traum in einen Traum zu designen. Dabei dient eine etwas plump aussehende Gerätschaft den Eindringlingen als Medium in die Träume ihrer Opfer. Hört sich kompliziert an, wird aber dank gut differenzierbarer Traumsettings für jeden halbwegs wachen Zuschauer nachvollziehbar.

Cobb selbst, so erfährt man, war mal einer der besten Traumarchitekten, bevor etwas passierte, das ihn und seine Fähigkeiten enorm beeinträchtigte. Dass dieses Ereignis gerade während der komplexen Mission aus den Tiefen seines Unterbewusstseins auftaucht, nagt massiv am Erfolg des minutiös gerplanten Coups und somit am Schicksal aller Beteiligten. Denn Cobbs private Erinnerungen penetrieren immer wieder die kreierten Traumwelten und zehrende Schuldgefühle treiben den Helden in die berufliche und private Vorhölle. Wo Realität aufhört und Traum anfängt, wird dabei immer unschärfer.
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Ähnlich wie in Scorseses Shutter Island wird Leonardo DiCaprio auch in Inception ein Privatleben angeheftet, durch das er immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen wird. Auch wenn hier das Gegenteil behauptet wird, ist Inception bei weitem sehenswerter als Shutter Island, hat ein knackig-ambivalentes Ende und ist auch weniger kitschig. Durch den sparsamen Einsatz von digitaler Kamera erhalten die beeindruckenden Bilder eine besondere, fast haptische Qualität– ganz ohne 3D.

Was ist also das Manko dieses Films?

Nolan skizziert eine Welt mit eigenen Regeln, doch verdichtet sie nur so weit er es für nötig hält. Man erwartet von ihm zwar keine detailvernarrte Harry Potter- Zauberwelt und auch keine überbunte Light-Version eines LSD-Trips wie in Terry Gilliams Imaginarium des Dr. Parnassus. Aber wozu ist in einem Traum im Traum im Traum denn noch ein Maschinengewehr nötig, wenn nicht zur bloßen Befriedung von Actionfans und letztendlich zum Füllen der Kinokassen?

So interessant und universell das Traumsujet auch ist – das Gerüst, auf dem Inception sich filmisch auf unseren Verstand pflanzt, wackelt. Was bleibt ist ein visuell durchaus ansprechender, geschmeidig geschnittener Sommerlochstopfer, dessen Überlänge man nicht merkt – oder auch ein originell verpacktes Déjà-vu auf hohem Niveau.

Um den philosophischen Aspekt nochmal herauszukramen, lasse ich Woody Allen sprechen:

What if nothing exists and we’re all in somebody’s dream? Or what’s worse, what if only that fat guy in the third row exists? (Without Feathers, 1975)

My Son, My Son what have ye done?+++Cleveland vs. Wall Street

Weiter geht’s mit den letzten Perlen vom Filmfest-München 2010!

MySon10Wenn Werner Herzog seinen neusten Film von David Lynch produzieren lässt, hochkarätige Charakterköpfe castet, und die Story von einem Wahnsinnigen handelt, der seine Mutter mit einem Schwert halbierte, dann klingt das vielversprechend. Wir spähen in den Trailer von My Son, My Son what have ye done? (2009):

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San Diego. Als Detective Hank Havenhurst (Willem Dafoe) und Detective Vargas (Michael Peña) zum Tatort kommen, ist es bereits geschehen. Mrs. McCullum (Twin Peaks- Ikone Grace Zabriskie) liegt leblos in ihrer eigenen Blutlache auf dem Wohnzimmerboden ihrer Nachbarin. Zuvor war ihr Sohn Brad (Michael Shannon) mit seinem antiken Schwert auf eine Tasse Kaffee vorbeigekommen.

Nach der Tat verschanzt er sich mit zwei Geiseln im Haus seiner Mutter. Die Detectives umstellen das Haus und versuchen Brad herauszulocken. Eine Pizzalieferung später gesellen sich Brads dumpfe Verlobte Ingrid (Chloë Sevigny) und sein Schauspiellehrer Lee Meyers (Udo Kier) zu der Truppe. In Rückblenden berichten sie, wie Brads Persönlichkeit sich seit dem Peruaufenthalt vor zwei Jahren radikal verändert hat.

Dort war er mit einer Gruppe von Freunden unterwegs und hatte sich als Einziger gegen eine Rafting-Aktion auf dem Urubamba-Fluss gesträubt- und somit überlebt. Seither wollte er Farouk genannt werden und glaubte, dass Gott ihn in der Form des Oatmeal Quakers und mit der Stimme eines asiatischen Schlagersängers kontaktierte.

Ingrid schildert Brads ödipales Verhältnis zur Mutter, und Lee Myers erinnert sich an einen gemeinsamen Ausflug zur Straußenfarm (Herzogs Geflügel- Aversion kommt hier durch) von Brads Onkel Ted (Brad Dourif). Dort hatte Brad das Schwert zunächst als Requisite besorgt. Dass er in Myers’  Theaterstück den Orestes miemte, der in der greichischen Mythologie ebenfalls die eigene Mutter umbringt und wahnsinnig wird, spricht für sich.

Das Versprechen einer Lynch-Produktion strotzt dem erwartungsfrohen Zuschauer bereits in den Eröffnungscredits entgegen. Das Lyncheske von My Son… zieht sich dann auch durch den gesamten Film, schwingt in der Flamingo-im-Vorgarten-Atmosphäre mit und ist den Szenen besonders präsent, in denen die Figuren zu einem statischen Gemälde einfrieren und uns vielsagende Blicke zuwerfen. Da scheint dann Herzogs Vorliebe für Exotik und Surreales perfekt zu passen. Vielleicht auch zu perfekt.

Einige Fragen werden in den Raum geworfen, andere beantwortet- vieles bleibt im Leeren. Das kann zwar durchaus reizvoll sein, in diesem Falll wirkt es allerdings zu gewollt. Das Ergebnis hinterlässt einen eher mauen Nachgeschmack, sodass die Story sich letztendlich spannender anhört, als sie filmisch umgesetzt wurde. Die ununterbrochene musikalische Beschallung kann hier getrost als nervend bezeichnet werden.

Sehenswerter ist hingegen Jean-Stéphane Brons Cleaveland vs. Wall Street-Mais mit dä Bänkler (2010).

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Der Dokumentarfilm handelt von den Ursachen und Auswirkungen der US-Bankenkrise, dargestellt anhand eines halbfiktiven Gerichtsverfahrens zwischen der Stadt Cleveland und der New Yorker Wall Street:

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Ein Film wie eine Erleuchtung: Diese 105 Minuten machen jeden Menschen schlauer- versprochen. Jetzt fehlt nur noch ein deutscher Verleih. Also Daumen drücken oder warten, bis er irgendwann auf ARTE ausgestrahlt wird!