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Festival der verlorenen Kinder

Das zweitgrößte Filmfestival Deutschlands bespielte zwischen dem 25. Juni und dem 02. Juli 2011 die Münchner Isarmeilen. Hier findet ihr einen Überblick zu ausgewählten Filmen und könnt euch die ein oder andere Festivalperle für den nächsten Filmabend vormerken.Gamin au véloDas diesjährige Festival scheint sich in vielerlei Hinsicht dem verlorenen Kind verschrieben zu haben. Da wäre sogleich der Eröffnungsfilm Le gamin au vélo/Der Junge mit dem Fahrrad (2011) bei dem uns die Gebrüder Dardenne einen zähen Jungen vorstellen, der von seinem Vater ins Heim gesteckt wird und sich scheinbar nur auf dem Sattel seines Fahrrads wohlfühlen kann. Wo sein Platz in der Gesellschaft ist, wird zum streitbaren Knotenpunkt des Films. Dieser beeindruckt zwar durch die angenehm offen angelegte Struktur und den aufgeweckten Jungschauspieler Thomas Dorét, verliert jedoch zuweilen aufgrund dubios motivierter Figuren an Fahrt. Denn obwohl Cyril im Heim ist, findet er überraschend rapide Anschluss: Die Friseurin Samantha (Cécile de France) entflammt überaus schnell für den elfjährigen Fahrradnarren und ist sogleich bereit, den Jungen bei sich wohnen zu lassen und die Mutterrolle anzulegen. Auch die ein oder andere unangenehme Parallele zwischen virtueller und realer Gewalt wird aufgeschlagen, wenn Cyril von einem Stadtteilgangster erst zu Killerspielen und hierauf zu einem realen Überfall motiviert wird. Einen offiziellen Starttermin hat der Film noch nicht für die deutschen Kinos. Hier geht’s zum Trailer.

Nächster Film, nächstes Kind.

HesherWer nach Black Swan Natalie Portman gerne als abolute Loserin sehen möchte, sollte genau jetzt aufmerken. In Hesher (2011) spielt sie mit Sicherheit nicht die Rolle ihres Lebens, eigentlich hat sie nicht einmal eine Hauptrolle. Die nämlich gebührt ihrem Kollegen Joseph Gordon-Lewitt (Inception, 500 Days of Summer), der hier eine absolute One-Man-Show abliefert. Und das macht er nicht schlecht. Der Film zeigt uns, wie eine dysfunktionale Famile bestehend aus einem lethargischen Witwer, seinem stetig gemobbten 13- jährigen Sohn T.J. (Devin Brochu) und der herzensguten, backwütigen Oma durch den Einfluss eines pyromanischen Wildwuchses namens Hesher wieder eingermaßen ins Lot gerüttelt werden kann. Gewalt wir hier zum ultimativen Kommunikationsmittel. Der anarchische Pornofan und Heavy-Metal Liebhaber nistet sich nämlich in T.J.s Garage ein und bringt nicht nur Dynamik in das deprimierende Leben des Jungen, der sowohl mit dem Verlust seiner Mutter als auch mit Schulfeinden zu kämpfen hat; er bringt auch die nötige Dynamik in den gesamten Handlungsablauf. Natalie Portman darf eine Kassiererin in Existenznot aber mit Hornbrille spielen, die T.J.s pubertierendes Herz erobert, indem sie ihn vor einer Prügelei bewahrt. Schade nur, dass die Momente, die den Film am Leben halten, fast ausschließlich an Gordon-Lewitt hängen. Denn die Sprechanteile von Devin Brochu bestehen größtenteils aus “I don’t know.” und “What are you doing?”. So bietet Hesher zwar durchaus amüsante Augenblicke – besonders wenn er undurchsichtige Sex-Metaphern zum Besten gibt– ist aber leider zu oft vorhersehbar und drückt gegen Ende noch einmal fest auf die Pathosdrüse. Für den Trailer, bitte hier entlang.

SeptienWas würde passieren, wenn Sofia Coppola mit einem Drehbuch von Wes Anderson The Exorzist neu interpretieren würde? Wahrscheinlich etwas ähnliches wie Septien (2011) von Michael Tully, nur besser. Der seit 18 Jahren verschwundene Footballprofi in spe, Cornelius Rawlings (Michael Tully), kehrt aus ungenannten Gründen zu seinen schrägen Brüdern zurück, die – alle mit zahlreichen Ticks und Neurosen ausgestattet– nach dem Tod der Eltern auf ihrer unbefarmbaren Farm leben. Während der älteste Bruder Ezra (Robert Longstreet) sich als putzwütige Übermutter gibt, hat Amos (Onur Turkel) die obszöne Malerei für sich entdeckt. Als eines Tages der Dorf-Klempner gerufen wird, um den ausufernden Sanitäranlagen Einhalt zu gebieten, tut sich ein dunkles Geheimnis in Cornelius Vergangenheit auf. Bald darauf erscheint ein mysteriöser Prediger mit einer Lösung für Cornelius’ düsteres Vorleben. Michael Tully, der sowohl als Regiesseur, Produzent und Schauspieler fungiert, zeigt in Septien wie man trotz atmosphärischer Dichte und pikanter Figuren an einem dürftig umgesetzten Plot scheitern kann. Hier geht’s zum Trailer.

Weg von der Reihe American Independents hin zu Visones Latinas und zu einem weiteren verlorenen Kind.

Gatos ViejosDie Regisseure Sebastián Silva und Pedro Peirano geben mit Gatos viejos (2010) ein nicht humorfrei inszeniertes Familiendrama zum Besten. Die 80-jährige Isadora (Belgica Castro), deren Hüftprobleme dafür sorgen, dass sie bei defektem Aufzug das eigene Haus nicht verlassen kann, bekommt Besuch von der mehrfach beruflich gescheiterten Tochter. Das kann, so der diligente Lebensgefährte, nichts Gutes bedeuten: Denn üblicherweise sind es immer die leidigen Finanzen, die das verkrachte und koksverliebte Töchterchen in das verkatzte Haus der alten Mutter führen. So auch dieses Mal. Die leicht senile Frau soll ihr Heim verkaufen, damit die Tochter zusammen mit ihrer Partnerin peruanische Heilseifen verkaufen kann. Doch hier geht es bald nicht um Geld, sondern um Liebe, Vergänglichkeit und gegenseitige Anerkennung. Gatos viejos ist ein wahrhaftes Schmuckstück und beeindruckt mit schonungslosen Dialogen,schwarzem Humor und brillianten Schauspielern, hier der Trailer.

Weitere Kurzkritiken folgen in Kürze.

Dieser Beitrag ist auch auf independentfilme.com erschienen.