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Festival der verlorenen Kinder

Das zweitgrößte Filmfestival Deutschlands bespielte zwischen dem 25. Juni und dem 02. Juli 2011 die Münchner Isarmeilen. Hier findet ihr einen Überblick zu ausgewählten Filmen und könnt euch die ein oder andere Festivalperle für den nächsten Filmabend vormerken.Gamin au véloDas diesjährige Festival scheint sich in vielerlei Hinsicht dem verlorenen Kind verschrieben zu haben. Da wäre sogleich der Eröffnungsfilm Le gamin au vélo/Der Junge mit dem Fahrrad (2011) bei dem uns die Gebrüder Dardenne einen zähen Jungen vorstellen, der von seinem Vater ins Heim gesteckt wird und sich scheinbar nur auf dem Sattel seines Fahrrads wohlfühlen kann. Wo sein Platz in der Gesellschaft ist, wird zum streitbaren Knotenpunkt des Films. Dieser beeindruckt zwar durch die angenehm offen angelegte Struktur und den aufgeweckten Jungschauspieler Thomas Dorét, verliert jedoch zuweilen aufgrund dubios motivierter Figuren an Fahrt. Denn obwohl Cyril im Heim ist, findet er überraschend rapide Anschluss: Die Friseurin Samantha (Cécile de France) entflammt überaus schnell für den elfjährigen Fahrradnarren und ist sogleich bereit, den Jungen bei sich wohnen zu lassen und die Mutterrolle anzulegen. Auch die ein oder andere unangenehme Parallele zwischen virtueller und realer Gewalt wird aufgeschlagen, wenn Cyril von einem Stadtteilgangster erst zu Killerspielen und hierauf zu einem realen Überfall motiviert wird. Einen offiziellen Starttermin hat der Film noch nicht für die deutschen Kinos. Hier geht’s zum Trailer.

Nächster Film, nächstes Kind.

HesherWer nach Black Swan Natalie Portman gerne als abolute Loserin sehen möchte, sollte genau jetzt aufmerken. In Hesher (2011) spielt sie mit Sicherheit nicht die Rolle ihres Lebens, eigentlich hat sie nicht einmal eine Hauptrolle. Die nämlich gebührt ihrem Kollegen Joseph Gordon-Lewitt (Inception, 500 Days of Summer), der hier eine absolute One-Man-Show abliefert. Und das macht er nicht schlecht. Der Film zeigt uns, wie eine dysfunktionale Famile bestehend aus einem lethargischen Witwer, seinem stetig gemobbten 13- jährigen Sohn T.J. (Devin Brochu) und der herzensguten, backwütigen Oma durch den Einfluss eines pyromanischen Wildwuchses namens Hesher wieder eingermaßen ins Lot gerüttelt werden kann. Gewalt wir hier zum ultimativen Kommunikationsmittel. Der anarchische Pornofan und Heavy-Metal Liebhaber nistet sich nämlich in T.J.s Garage ein und bringt nicht nur Dynamik in das deprimierende Leben des Jungen, der sowohl mit dem Verlust seiner Mutter als auch mit Schulfeinden zu kämpfen hat; er bringt auch die nötige Dynamik in den gesamten Handlungsablauf. Natalie Portman darf eine Kassiererin in Existenznot aber mit Hornbrille spielen, die T.J.s pubertierendes Herz erobert, indem sie ihn vor einer Prügelei bewahrt. Schade nur, dass die Momente, die den Film am Leben halten, fast ausschließlich an Gordon-Lewitt hängen. Denn die Sprechanteile von Devin Brochu bestehen größtenteils aus “I don’t know.” und “What are you doing?”. So bietet Hesher zwar durchaus amüsante Augenblicke – besonders wenn er undurchsichtige Sex-Metaphern zum Besten gibt– ist aber leider zu oft vorhersehbar und drückt gegen Ende noch einmal fest auf die Pathosdrüse. Für den Trailer, bitte hier entlang.

SeptienWas würde passieren, wenn Sofia Coppola mit einem Drehbuch von Wes Anderson The Exorzist neu interpretieren würde? Wahrscheinlich etwas ähnliches wie Septien (2011) von Michael Tully, nur besser. Der seit 18 Jahren verschwundene Footballprofi in spe, Cornelius Rawlings (Michael Tully), kehrt aus ungenannten Gründen zu seinen schrägen Brüdern zurück, die – alle mit zahlreichen Ticks und Neurosen ausgestattet– nach dem Tod der Eltern auf ihrer unbefarmbaren Farm leben. Während der älteste Bruder Ezra (Robert Longstreet) sich als putzwütige Übermutter gibt, hat Amos (Onur Turkel) die obszöne Malerei für sich entdeckt. Als eines Tages der Dorf-Klempner gerufen wird, um den ausufernden Sanitäranlagen Einhalt zu gebieten, tut sich ein dunkles Geheimnis in Cornelius Vergangenheit auf. Bald darauf erscheint ein mysteriöser Prediger mit einer Lösung für Cornelius’ düsteres Vorleben. Michael Tully, der sowohl als Regiesseur, Produzent und Schauspieler fungiert, zeigt in Septien wie man trotz atmosphärischer Dichte und pikanter Figuren an einem dürftig umgesetzten Plot scheitern kann. Hier geht’s zum Trailer.

Weg von der Reihe American Independents hin zu Visones Latinas und zu einem weiteren verlorenen Kind.

Gatos ViejosDie Regisseure Sebastián Silva und Pedro Peirano geben mit Gatos viejos (2010) ein nicht humorfrei inszeniertes Familiendrama zum Besten. Die 80-jährige Isadora (Belgica Castro), deren Hüftprobleme dafür sorgen, dass sie bei defektem Aufzug das eigene Haus nicht verlassen kann, bekommt Besuch von der mehrfach beruflich gescheiterten Tochter. Das kann, so der diligente Lebensgefährte, nichts Gutes bedeuten: Denn üblicherweise sind es immer die leidigen Finanzen, die das verkrachte und koksverliebte Töchterchen in das verkatzte Haus der alten Mutter führen. So auch dieses Mal. Die leicht senile Frau soll ihr Heim verkaufen, damit die Tochter zusammen mit ihrer Partnerin peruanische Heilseifen verkaufen kann. Doch hier geht es bald nicht um Geld, sondern um Liebe, Vergänglichkeit und gegenseitige Anerkennung. Gatos viejos ist ein wahrhaftes Schmuckstück und beeindruckt mit schonungslosen Dialogen,schwarzem Humor und brillianten Schauspielern, hier der Trailer.

Weitere Kurzkritiken folgen in Kürze.

Dieser Beitrag ist auch auf independentfilme.com erschienen.

Filmfest München 2011

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Das Filmfest München 2011 ruft und www.dontpanicitsorganic.de wird seine Leser mit frischem Filmfutter versorgen. Das nach der Berlinale zweitgrößte Festival Deutschlands bespielt in diesem Jahr zwischen dem 24. Juni und dem 2. Juli ausgewählte Münchener Lichtspielhäuser rund um die Isar.

 

Was im letzten Jahr zu sehen war, könnt ihr hier nachlesen. Zwischen dem Eröffnungsfilm Le gamin au vélo und dem diesjährigen Abschlussfilm Le Havre von Altmeister Aki Kaurismäki liegt einiges an Filminput vor uns.

Außer den für München üblichen Reihen Internationales Programm, Visiones Latinas, Nouveau Cinéma Français, Fokus Fernost, American Independents, Neue Deutsche Kino bzw. Fernsehfilme und dem Kinderfilmfest gibt es auch in diesem Jahr einige Spezialreihen: Neben den Independentgrößen Tom DiCillo und John Malkovich gibt es einen Schwedenschwerpunkt und eine Reihe zu Ehren von Roy Andersson, einem Meister des skurrilen nordischen Films. Das kostenlose Open-Air Programm widmet sich der Katze. Alle, die schon immer Russ Meyers Faster Pussycat! Kill, Kill! (bzw. Die Satansweiber von Tittyfeld) auf Großleinwand sehen wollten, sollten also aufmerken, hier der Trailer:

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Und natürlich kann man einige der über 200 Premieren nicht nur rezipieren, sondern auch diskutieren. Zum Beispiel bei den täglich stattfindenden Filmmakers Live-Sessions im Gasteig. Mehr zum Programm findet ihr auf der Homepage des Festivals sowie auf dem Festival-Blog.

Das Filmfest- Magazin gibt es hier als PDF. Reviews zu den einzelnen Filmen folgen in Kürze.

My Son, My Son what have ye done?+++Cleveland vs. Wall Street

Weiter geht’s mit den letzten Perlen vom Filmfest-München 2010!

MySon10Wenn Werner Herzog seinen neusten Film von David Lynch produzieren lässt, hochkarätige Charakterköpfe castet, und die Story von einem Wahnsinnigen handelt, der seine Mutter mit einem Schwert halbierte, dann klingt das vielversprechend. Wir spähen in den Trailer von My Son, My Son what have ye done? (2009):

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San Diego. Als Detective Hank Havenhurst (Willem Dafoe) und Detective Vargas (Michael Peña) zum Tatort kommen, ist es bereits geschehen. Mrs. McCullum (Twin Peaks- Ikone Grace Zabriskie) liegt leblos in ihrer eigenen Blutlache auf dem Wohnzimmerboden ihrer Nachbarin. Zuvor war ihr Sohn Brad (Michael Shannon) mit seinem antiken Schwert auf eine Tasse Kaffee vorbeigekommen.

Nach der Tat verschanzt er sich mit zwei Geiseln im Haus seiner Mutter. Die Detectives umstellen das Haus und versuchen Brad herauszulocken. Eine Pizzalieferung später gesellen sich Brads dumpfe Verlobte Ingrid (Chloë Sevigny) und sein Schauspiellehrer Lee Meyers (Udo Kier) zu der Truppe. In Rückblenden berichten sie, wie Brads Persönlichkeit sich seit dem Peruaufenthalt vor zwei Jahren radikal verändert hat.

Dort war er mit einer Gruppe von Freunden unterwegs und hatte sich als Einziger gegen eine Rafting-Aktion auf dem Urubamba-Fluss gesträubt- und somit überlebt. Seither wollte er Farouk genannt werden und glaubte, dass Gott ihn in der Form des Oatmeal Quakers und mit der Stimme eines asiatischen Schlagersängers kontaktierte.

Ingrid schildert Brads ödipales Verhältnis zur Mutter, und Lee Myers erinnert sich an einen gemeinsamen Ausflug zur Straußenfarm (Herzogs Geflügel- Aversion kommt hier durch) von Brads Onkel Ted (Brad Dourif). Dort hatte Brad das Schwert zunächst als Requisite besorgt. Dass er in Myers’  Theaterstück den Orestes miemte, der in der greichischen Mythologie ebenfalls die eigene Mutter umbringt und wahnsinnig wird, spricht für sich.

Das Versprechen einer Lynch-Produktion strotzt dem erwartungsfrohen Zuschauer bereits in den Eröffnungscredits entgegen. Das Lyncheske von My Son… zieht sich dann auch durch den gesamten Film, schwingt in der Flamingo-im-Vorgarten-Atmosphäre mit und ist den Szenen besonders präsent, in denen die Figuren zu einem statischen Gemälde einfrieren und uns vielsagende Blicke zuwerfen. Da scheint dann Herzogs Vorliebe für Exotik und Surreales perfekt zu passen. Vielleicht auch zu perfekt.

Einige Fragen werden in den Raum geworfen, andere beantwortet- vieles bleibt im Leeren. Das kann zwar durchaus reizvoll sein, in diesem Falll wirkt es allerdings zu gewollt. Das Ergebnis hinterlässt einen eher mauen Nachgeschmack, sodass die Story sich letztendlich spannender anhört, als sie filmisch umgesetzt wurde. Die ununterbrochene musikalische Beschallung kann hier getrost als nervend bezeichnet werden.

Sehenswerter ist hingegen Jean-Stéphane Brons Cleaveland vs. Wall Street-Mais mit dä Bänkler (2010).

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Der Dokumentarfilm handelt von den Ursachen und Auswirkungen der US-Bankenkrise, dargestellt anhand eines halbfiktiven Gerichtsverfahrens zwischen der Stadt Cleveland und der New Yorker Wall Street:

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Ein Film wie eine Erleuchtung: Diese 105 Minuten machen jeden Menschen schlauer- versprochen. Jetzt fehlt nur noch ein deutscher Verleih. Also Daumen drücken oder warten, bis er irgendwann auf ARTE ausgestrahlt wird!

Copie Conforme

Weiter geht’s mit einem Festivalbonbon vom Filmfest-München 2010, also Mund zu und Augen auf!
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Eines ist klar: Wer nach Abbas Kiarostamis Copie Conforme (2010) nicht ein kleines bisschen in Juliette Binoche verknallt ist, dem ist nicht zu helfen. Also schnell in den Trailer:

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Eine französische Galeristin (Juliette Binoche) und ein britischer Schriftsteller (William Shimell) begegnen sich in der Toskana. Als man sie für ein Paar hält, spielen sie mit-und hören nicht mehr auf. Bald verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Realität- zwischen Kopie und Original.

“Our work starts with a lie on a daily-routine basis. When you make a film you bring elements from other places, other environments, and you gather them together in a unity that really doesn’t exist. You’re faking that unity. You call someone a husband or a son. [...] In cinema anything that can happen would be true. It doesn’t have to correspond to a reality, it doesn’t have to ‘really’ be happening. In cinema, by fabricating lies we may never reach the fundamental truth, but we will always be on our way to it. We can never get close to the truth except through lying.”

(Abbas Kiarostami via Filmfest-Blog)

Wieder hat Kiarostami seine für ihn typischen Autofahrten eingebaut, und für ein paar Momente schmiegt sich unser Mageninhalt an die kurvigen Straßen von Lucignano, während ein Mann und eine Frau Wortgefechte mit manchmal allzu klischeehafter Ladung austragen.

Eigentlich war für die Rolle des Schriftstellers Robert De Niro vorgesehen, doch für Kiarostami schien der britische Opernsänger William Shimell besser zu passen. Er verleiht er seiner Rolle eine gewisse Undurchschaubarkeit, die sich gut in die gesamte Dramaturgie einfügt.

Der Präsenz der weiblichen Hauptrolle hinkt er aber ein bisschen nach- Copie Conforme ist eine Hommage an die hinreißende Juliette Binoche.  [rating=4]

Vor 15 Jahren- bevor Der Geschmack der Kirsche 1997 in Cannes ausgezeichnet wurde- hat das Fimfest-München den damals noch fast unbekannten Abbas Kiarostami an die Isar gebracht- seitdem wird das Festival regelmäßig von ihm bespielt und hat iranischen Filmen eine Nische eingeräumt. Wer Shirin (2008) im letzten Jahr verpasst hat, kann sich freuen:

Ab dem 17. September gibt es im Rahmen der Ausstellung Zukunft der Tradition-Tradition der Zukunft eine Retrospektive zu Abbas Kiarostamis Œvre im Haus der Kunst zu sehen.

The Wanderer+++Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives

Das 28. Filmfest beflimmert immer noch fleißig die Isar, und im Internationalen Programm ist die Welt nach wie vor in Aufruhr.

Experimentalfilmer Avishai Sivan präsentiert mit The Wanderer (2010) sein Spielfilmdebüt und zugleich ein befremdliches Coming-Of- Age Drama. Der Trailer ist harmlos:

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In einem Vorort von Tel Aviv begleiten wir den 16-jährigen Yeshiva-Studenten Isaac (Omri Fuhrer) -einizger Sohn einer dysfunktionalen ultraorthodoxen Famile- bei seinen Streifzügen durch die Stadt.

The Wanderer, Avishai Sivan

Mit strengen Bildern, die zugleich statisch und spannend wirken zeigt Sivan einen jungen Mann, der seinem Körper, seiner Umwelt und sich selbst entfremdet ist. Unfähig zur Kommunikation zieht er uns mit in eine beklemmende Enge und Rastlosigkeit, die er gewaltvoll und diffus zu brechen sucht. Zwischendurch werden unmengen an Wasser getrunken und Eier verspeist. [rating=3]

The Wanderer ist mit Sicherheit einer der unbequemsten Filme des Festivals. Bei HEEB kann man sich das Gegenprogramm genehmigen.

Wir verlassen Israel und Blicken Richtung Thailand.

Apichatpong Weerasethakuls Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives (2010) basiert auf einem gleichnamigen Buch und läuft in der Reihe Fokus Fernost.

Boonmee (Thanapat Saisaymar) ist schwer krank. Schwägerin Jen (Jenjira Pongpas) und Neffe Tong (Sakda Kaewbuadee) pflegen ihn auf seiner Farm im Nordosten Thailands. Eines Abends materialisiert sich der Geist seiner toten Frau Huay (Natthakarn Aphaiwonk) vor ihnen, auch der verschollene Sohn Boonsong (Geerasak Kulhong) taucht als “Monkey Ghost” wieder auf.

Vor seinem Tod wandert Boonmee mit seiner Familie durch den Dschungel und in die Geburtsstätte seines ersten Lebens. Hier der Trailer:

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Uncle Boonmee… ist politisch aber auch voller Humor und vor allem eine Hommage an das frühe Thai-Kino, mit dem der Filmemacher aufwuchs und das -wie Boonmee – zu schwinden droht. In der Oszillation zwischen Fiktion und Dokumentation, schafft Apichatpong ein kontemplatives Imaginarium an mystischen Bildern, deren Zauber man sich kaum entziehen kann.

The film focuses on the beliefs in other-worldly elements
that are actually parts of our lives. I am captivated
by the fact that as we age, our childhood has
become more vivid. I think the curiosity (and perhaps
the fear) of ghosts and of other worlds arises when
we are young and when we are dying. (Apichatpong Weerasethakul)

Le Refuge

Ohne lange Einführung machen wir gleich weiter mit einem Glanzlicht des Festivals- also Mund zu und Augen auf!

Le Refuge, François Ozon
In der Reihe Nouveau Cinéma Français konnten die Veranstalter nach jahrelangem Insistieren François Ozon an die Isar gewinnen, um seinen neuen Film Le Refuge (2009) vorzustellen. Informationen zu Diskussionen mit den Filmemachern gibt es hier. Wir werfen einen Blick in den Trailer, bitte das frankophone Ohr hinhalten:

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Mousse (Isabelle Carré) und Louis (Melvil Poupaud) sind jung, wohlhabend und drogenabhängig. Nach einer Überdosis stirbt Louis. Mousse überlebt und erfährt noch im Krankenhaus von ihrer Schwangerschaft. Mit Methadon im Gepäck entflieht die werdende Mutter der Stadt und bezieht das leerstehende Haus eines Bekannten irgendwo am Meer. Hochschwanger bekommt sie Besuch von Louis’ Bruder Paul (Louis-Ronan Choisy).

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten entwickelt sich eine unkonventionelle Beziehung zwischen den beiden. Und wie weitere Filme dieses Festivals spürt auch Le Refuge den Verästelungen zwischen Familie und Individuum nach.

François Ozon zählt zu den Vertretern des Cinéma du Corps /Cinema of the Body und Isabelle Carrés Babybauch spielt quasi eine dritte Hauptrolle. Er wird inszeniert, ästhetisiert und übt magnetische Anziehung auf seine Umgebung aus. Daran nicht ganz unbeteiligt ist natürlich auch die Hauptdarstellerin, die ihrer Rolle mit spröder Lakonie viel Tiefe verleiht.

Und weil der Film in HD gedreht wurde, wirken die Bilder besonders organisch. Davon kann man sich ab dem 2. September auch außerhalb des Filmfests überzeugen lassen.

Den Sänger Louis-Ronan Choisy hat Ozon von der Bühne weggecastet. Das Lied, das sich wie ein Leitmotiv durch den Film zieht, gibt’s hier:

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Perpetuum Mobile+++Tetro+++Yo,también

München lässt die Isarmeile warmlaufen, vom 25. Juni bis zum 3. Juli werden über 200 Filme Deutschlandpremiere feiern. Die Augenschmeichler des Festivals gibt es hier!

perpetuum-mobile¡Viva la independencia!- die Parole der Unabhängigkeit steht in der Reihe der Visiones Latinas vor allem für Filmschaffen abseits von Markt- und Massengeschmack. Den Anfang macht Filmguerilla Nicolás Pereda mit seinem dritten abendfüllenden Spielfilm Perpetuum Mobile (2009)- ein bißchen wie Ken Loach in Mexico City.

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Absolut entschleunigt erzählt der 27-jährige Regisseur von Gabino (Gabino Rodríguez), einem Mitzwanziger der bei seiner meckernden Mama (Teresa Sanchez) einquartiert ist, mit seinem Kumpel Fracisco (Francisco Barreiro) gelegentlich Umzüge organisiert, und ansonsten gerne möglichst energiesparend in den Tag hinein lebt. Während Mama ihre grenzenlose Liebe an den Haustieren auslebt, taucht Sohn Gabino in die Wohnräume und Leben anderer Menschen ein und lässt uns daran teilhaben.

Gerade durch die zeitliche Dehnung der einzelnen Sequenzen kann das Dargestellte eine besondere Qualität entfalten. Unaufgeregten Bildern folgen episodenhafte Ausschnitte, die einer möglichen Langatmigkeit mit Witz und Ironie entgegenwirken.


Tetro-testo

“You know what love is in a family like ours? It’s a quick stab in the heart.”

Vom Indiefilm schwenken wir auf das Internationale Programm. Francis Ford Coppolas neuestes Werk Tetro (2009) läuft in dieser Reihe- seit Der Dialog (1974) der erste Film, zu dem der Altmeister auch das Originaldrehbuch verfasste. Wie so oft, handelt es sich auch bei Tetro um ein Familiendrama, dem von allen Seiten autobiographische Züge nachgesagt werden. Für den Trailer bitte sachte nach unten scrollen.

Der 17-Jährige New Yorker Bennie (Alden Ehrenreich) taucht nach jahrelanger Funkstille bei seinem älteren Halbbruder Angelo (Vincent Gallo) in Bueno Aires auf. Angelo, hat mit der Familie gebrochen, nennt sich jetzt ‘Tetro’ und wird durch Bennies Besuch in ein Leben zurückgeworfen, das er sorgfältig abgepackt und weggesperrt hatte. Genau wie seine schriftstellerischen Ambitionen, die der dominante Vater (Klaus Maria Brandauer als Star-Dirigent) zu ersticken suchte.

Bennie nistet sich also bei Tetro und dessen bezaubernder Freundin Miranda (Maribel Verdú) in deren bohèmer, chargenreicher Enklave ein und entflechtet Stück für Stück das Geheimnis, das auf der Familie lastet.

Die Figuren sind exzellent besetzt: Newcomer Alden Ehrenreich wurde direkt an Tochter Sofia Coppola weitergereicht (Somewhere), Maribel Verdú brilliert in ihrer Rolle als emotionales Bindeglied und Vincent Gallo ist Dynamik pur. Die visuelle Finesse der Kamera (Mihai Malaimare Jr.) mit ihren nuancierten schwarz-weiß Bildern macht Tetro zu einem ästhetischen Filmvergnügen, das lediglich durch die larmoyante Melodramatik gegen Ende getrübt wird.

Und auch beim nächsten Film ist die ‘Welt in Aufruhr’:
Me Too

Liebeskomödien müssen nicht schmalzig und können sehr wohl witzig sein- das beweisen die Regisseure Antonio Naharro und Álvaro Pastor mit Yo, también (Me Too- Wer will schon normal sein), den Trailer gibt’s weiter unten.

Der 34-Jährige Daniel (Pablo Pineda) hat eine ihn liebende Familie, einen Hochschulabschluss und neuerdings auch einen Job. Alles bestens also, wenn er nicht außerdem ein Chromosom zu viel hätte. Aber das Down-Syndrom hindert Daniel nicht daran, sich in seine allseits umgarnte Kollegin Laura (Almodovar-Muse Lola Dueñas) zu verlieben. Die beiden kommen sich näher und werden mehr als nur gute Freunde. Esprit, Humor und eine Ladung Menschlichkeit machen das Sujet nicht nur verdaulich, sondern den Film auch sehr amüsant-ohne rührselig zu werden. Dabei geht es neben der Liebe auch um Normalität und ihre Normativität:

“Teilt uns nicht in zwei Gruppen, die Normalen und die Anormalen! Wir sind genauso gleich und verschieden wie Ihr!” (Pablo Pineda)

Bereits in ihrem Kurzfilm Uno más, uno menos (2002) haben Naharro und Pastor die Freundschaft zwischen einer Journalistin und einem Mädchen mit Down-Syndrom inszeniert. Für ihren ersten abendfüllenden Spielfilm Yo, tambièn konnten sie Pablo Pineda gewinnen, der wie sein Filmcharakter als erster Europäer mit Down-Syndrom einen Hochschulabschluss vorweisen kann.

Die beiden Regisseure werden mit den großartigen Hauptdarstelllern zur Filmfest-Eröffnung am 25. Juni in München sein und ab dem 5. August startet Yo, tambièn deutschlandweit im Kino.

Filmfest München 2010 – Eine Vorschau

Vom 25. Juni bis zum 3. Juli 2010 findet mit dem 28. Fimfest-München Deutschlands zweitgrößtes Filmfest statt, Zeit einen Blick ins Programm zu werfen!

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Den Auftakt macht Me too – Wer will schon normal sein? (Yo, también, 2009) von Álvaro Pastor und Antonio Naharro aus der Reihe Visiones Latinas. Eine offbeat Liebesgeschichte, die schon auf dem Festival von San Sebastian die Herzen des filmhungrigen Publikums erreichte. Warum? Darum:

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Abbas Kiarostami wird neben Mads Mikkelsen nicht nur für sein Schaffen mit dem CineMerit Award beehrt, sondern auch mit 6 Filmen vertreten sein, darunter  Copie Confome (2010), für den Juliette Binoche vor kurzem in Cannes ausgezeichnet wurde. Ebenfalls direkt von der Croisette an die Isar kommt Apichatpong Weerasethakul mit Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives (2009).

Im Internationalen Programm lässt Altmeister Franics Ford Coppola Tetro (2009) raus, Roger Ebert ist begeistert- hier ein Vorgeschmack:

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Auch aus dieser Reihe und im Familienmilieu ist Jim Sheridans Brothers (2009), das Remake von Susan Biers dänischem Brødre (2004) angesiedelt und mit Natalie Portman, Jake Gyllenhaal und Tobey Maguire schonmal großartig besetzt.

Indischen Filmen abseits von Bollywood wird eine ganze Retrospektive eingeräumt und wer sein cinéastisches Sitzfleisch testen will, kann sich im Rahmen der Nouveau Cinéma Français Olivier Assayas fünfstündige Mini-Serie über Venezuelas Top-Terroristen Ilich Ramírez Sánchez aka Carlos (2010) genehmigen.

Außerdem wird Patrice Chereau mit Persécution (2009) zugegen sein, Claire Denis und François Ozon bringen auch ihre jüngsten Babies mit. Anhänger der Nouvelle Vague können sich nicht nur auf Jaques Rivettes kürzesten Film 36 vues du Pic Saint Loup (2009), sondern auch auf  Deux de la Vague (2009) von Emmanuel Laurent und Antoine de Baecque freuen:

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Klar, dass Neue Deutsche Kinofilme nicht fehlen dürfen. Kick in Iran (2010) von HFF- Absolventin Fatima Geza Abdollahyan hat schon das Sundance Festival erfolgreich gestürmt- ab in den Trailer:

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Der Dokumentarfilm zieht sich jedenfalls durch alle Reihen, und in der Sektion American Independents kommen nicht nur Underdogs zum Einsatz: Letztes Jahr hatte Steven Soderbergh Sasha Grey in The Girlfriend Experience (2009) mit dabei, dieses Mal ist er mit And Everything is Going Fine (2010), einem dokumentarischen Portrait über den unlängst verstorbenen Alrounder Spalding Gray vertreten.

Und weil es sich im Sommer geradezu anbietet, die Filmfreude draußen auszuleben, gibt’s im Gasteig wieder sieben Filme unter dem Topos “Das Sein” im Freien. Spike Jonzes Being John Malkovich (1999) ist hier nur eines der Zuckerstücke.

Mehr zu Rahmenprogramm, Filmen und Fakten findet ihr auf dem Filmfestblog und wenn es losgeht, natürlich auch hier!