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Festival der verlorenen Kinder

Das zweitgrößte Filmfestival Deutschlands bespielte zwischen dem 25. Juni und dem 02. Juli 2011 die Münchner Isarmeilen. Hier findet ihr einen Überblick zu ausgewählten Filmen und könnt euch die ein oder andere Festivalperle für den nächsten Filmabend vormerken.Gamin au véloDas diesjährige Festival scheint sich in vielerlei Hinsicht dem verlorenen Kind verschrieben zu haben. Da wäre sogleich der Eröffnungsfilm Le gamin au vélo/Der Junge mit dem Fahrrad (2011) bei dem uns die Gebrüder Dardenne einen zähen Jungen vorstellen, der von seinem Vater ins Heim gesteckt wird und sich scheinbar nur auf dem Sattel seines Fahrrads wohlfühlen kann. Wo sein Platz in der Gesellschaft ist, wird zum streitbaren Knotenpunkt des Films. Dieser beeindruckt zwar durch die angenehm offen angelegte Struktur und den aufgeweckten Jungschauspieler Thomas Dorét, verliert jedoch zuweilen aufgrund dubios motivierter Figuren an Fahrt. Denn obwohl Cyril im Heim ist, findet er überraschend rapide Anschluss: Die Friseurin Samantha (Cécile de France) entflammt überaus schnell für den elfjährigen Fahrradnarren und ist sogleich bereit, den Jungen bei sich wohnen zu lassen und die Mutterrolle anzulegen. Auch die ein oder andere unangenehme Parallele zwischen virtueller und realer Gewalt wird aufgeschlagen, wenn Cyril von einem Stadtteilgangster erst zu Killerspielen und hierauf zu einem realen Überfall motiviert wird. Einen offiziellen Starttermin hat der Film noch nicht für die deutschen Kinos. Hier geht’s zum Trailer.

Nächster Film, nächstes Kind.

HesherWer nach Black Swan Natalie Portman gerne als abolute Loserin sehen möchte, sollte genau jetzt aufmerken. In Hesher (2011) spielt sie mit Sicherheit nicht die Rolle ihres Lebens, eigentlich hat sie nicht einmal eine Hauptrolle. Die nämlich gebührt ihrem Kollegen Joseph Gordon-Lewitt (Inception, 500 Days of Summer), der hier eine absolute One-Man-Show abliefert. Und das macht er nicht schlecht. Der Film zeigt uns, wie eine dysfunktionale Famile bestehend aus einem lethargischen Witwer, seinem stetig gemobbten 13- jährigen Sohn T.J. (Devin Brochu) und der herzensguten, backwütigen Oma durch den Einfluss eines pyromanischen Wildwuchses namens Hesher wieder eingermaßen ins Lot gerüttelt werden kann. Gewalt wir hier zum ultimativen Kommunikationsmittel. Der anarchische Pornofan und Heavy-Metal Liebhaber nistet sich nämlich in T.J.s Garage ein und bringt nicht nur Dynamik in das deprimierende Leben des Jungen, der sowohl mit dem Verlust seiner Mutter als auch mit Schulfeinden zu kämpfen hat; er bringt auch die nötige Dynamik in den gesamten Handlungsablauf. Natalie Portman darf eine Kassiererin in Existenznot aber mit Hornbrille spielen, die T.J.s pubertierendes Herz erobert, indem sie ihn vor einer Prügelei bewahrt. Schade nur, dass die Momente, die den Film am Leben halten, fast ausschließlich an Gordon-Lewitt hängen. Denn die Sprechanteile von Devin Brochu bestehen größtenteils aus “I don’t know.” und “What are you doing?”. So bietet Hesher zwar durchaus amüsante Augenblicke – besonders wenn er undurchsichtige Sex-Metaphern zum Besten gibt– ist aber leider zu oft vorhersehbar und drückt gegen Ende noch einmal fest auf die Pathosdrüse. Für den Trailer, bitte hier entlang.

SeptienWas würde passieren, wenn Sofia Coppola mit einem Drehbuch von Wes Anderson The Exorzist neu interpretieren würde? Wahrscheinlich etwas ähnliches wie Septien (2011) von Michael Tully, nur besser. Der seit 18 Jahren verschwundene Footballprofi in spe, Cornelius Rawlings (Michael Tully), kehrt aus ungenannten Gründen zu seinen schrägen Brüdern zurück, die – alle mit zahlreichen Ticks und Neurosen ausgestattet– nach dem Tod der Eltern auf ihrer unbefarmbaren Farm leben. Während der älteste Bruder Ezra (Robert Longstreet) sich als putzwütige Übermutter gibt, hat Amos (Onur Turkel) die obszöne Malerei für sich entdeckt. Als eines Tages der Dorf-Klempner gerufen wird, um den ausufernden Sanitäranlagen Einhalt zu gebieten, tut sich ein dunkles Geheimnis in Cornelius Vergangenheit auf. Bald darauf erscheint ein mysteriöser Prediger mit einer Lösung für Cornelius’ düsteres Vorleben. Michael Tully, der sowohl als Regiesseur, Produzent und Schauspieler fungiert, zeigt in Septien wie man trotz atmosphärischer Dichte und pikanter Figuren an einem dürftig umgesetzten Plot scheitern kann. Hier geht’s zum Trailer.

Weg von der Reihe American Independents hin zu Visones Latinas und zu einem weiteren verlorenen Kind.

Gatos ViejosDie Regisseure Sebastián Silva und Pedro Peirano geben mit Gatos viejos (2010) ein nicht humorfrei inszeniertes Familiendrama zum Besten. Die 80-jährige Isadora (Belgica Castro), deren Hüftprobleme dafür sorgen, dass sie bei defektem Aufzug das eigene Haus nicht verlassen kann, bekommt Besuch von der mehrfach beruflich gescheiterten Tochter. Das kann, so der diligente Lebensgefährte, nichts Gutes bedeuten: Denn üblicherweise sind es immer die leidigen Finanzen, die das verkrachte und koksverliebte Töchterchen in das verkatzte Haus der alten Mutter führen. So auch dieses Mal. Die leicht senile Frau soll ihr Heim verkaufen, damit die Tochter zusammen mit ihrer Partnerin peruanische Heilseifen verkaufen kann. Doch hier geht es bald nicht um Geld, sondern um Liebe, Vergänglichkeit und gegenseitige Anerkennung. Gatos viejos ist ein wahrhaftes Schmuckstück und beeindruckt mit schonungslosen Dialogen,schwarzem Humor und brillianten Schauspielern, hier der Trailer.

Weitere Kurzkritiken folgen in Kürze.

Dieser Beitrag ist auch auf independentfilme.com erschienen.

Filmfest München 2011

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Das Filmfest München 2011 ruft und www.dontpanicitsorganic.de wird seine Leser mit frischem Filmfutter versorgen. Das nach der Berlinale zweitgrößte Festival Deutschlands bespielt in diesem Jahr zwischen dem 24. Juni und dem 2. Juli ausgewählte Münchener Lichtspielhäuser rund um die Isar.

 

Was im letzten Jahr zu sehen war, könnt ihr hier nachlesen. Zwischen dem Eröffnungsfilm Le gamin au vélo und dem diesjährigen Abschlussfilm Le Havre von Altmeister Aki Kaurismäki liegt einiges an Filminput vor uns.

Außer den für München üblichen Reihen Internationales Programm, Visiones Latinas, Nouveau Cinéma Français, Fokus Fernost, American Independents, Neue Deutsche Kino bzw. Fernsehfilme und dem Kinderfilmfest gibt es auch in diesem Jahr einige Spezialreihen: Neben den Independentgrößen Tom DiCillo und John Malkovich gibt es einen Schwedenschwerpunkt und eine Reihe zu Ehren von Roy Andersson, einem Meister des skurrilen nordischen Films. Das kostenlose Open-Air Programm widmet sich der Katze. Alle, die schon immer Russ Meyers Faster Pussycat! Kill, Kill! (bzw. Die Satansweiber von Tittyfeld) auf Großleinwand sehen wollten, sollten also aufmerken, hier der Trailer:

YouTube Preview Image

via

Und natürlich kann man einige der über 200 Premieren nicht nur rezipieren, sondern auch diskutieren. Zum Beispiel bei den täglich stattfindenden Filmmakers Live-Sessions im Gasteig. Mehr zum Programm findet ihr auf der Homepage des Festivals sowie auf dem Festival-Blog.

Das Filmfest- Magazin gibt es hier als PDF. Reviews zu den einzelnen Filmen folgen in Kürze.

David Wants to Fly auf ARTE+7

Der Berliner Filmemacher David Sieveking hat eine Obsession: David Lynch. Um seinem Idol näher zu kommen, besucht er einen Workshop für Transzendentale Meditation (TM). Nach einer kurzen Tuchfühlung findet David bald mehr heraus, als er eigentlich soll. Sein Film David Wants to Fly (2010) feierte auf der 60. Berlinale Premiere. Warum David Lynch das eigentlich verhindern wollte, lässt sich erahnen. Auf ARTE +7 kann man den zwei Davids noch ein paar Tage auf ihrer Sinnsuche zuschauen.

via arte.tv

Die Wiederholung gibt’s am 23. Juni um 10:10 Uhr.

Aargh– Kurzfilm von Philip Hillers

Es ist mal wieder Zeit für einen knackigen Kurzfilm. Und weil hier in der Region rund um Berlin und Potsdam die filmische Ernte über’s gesamte Jahr hinweg üppig ist, muss man nicht lange suchen.

Ein besonders schmackhaftes Filmhäppchen kredenzt uns HFF-Absolvent Philip Hiller mit Aargh (2010).

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Der Regisseur zeigt uns den ersten Arbeitstag von Aargh, einem ehemals erfolgreichen Schauspieler, der nach einem semi-tragischen Vorfall die gefeierte Schauspielkarriere aufgeben muss und sich nun im Berliner Zoo als Tierpfleger versucht. Was genau passiert ist und warum Aargh mit einigen Anlaufschwierigkeiten konfrontiert wird, erfährt man mit einem Klick in den Trailer!

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Wer jetzt Appetit auf den ganzen Film bekommen hat, kann sich Aargh in voller Länge schmecken lassen, nämlich hier.

Berlinale Wrap-Up #1

Trotz eisiger Minusgrade, befinden wir uns uns mitten in der heißesten Filmzeit des Jahres in Berlin: der 61. Berlinale. Vom 10. bis zum 20. Februar verwandelt sich die Gegend um den Potsdamer Platz in einen großen roten Teppich. Aber viel wichtiger als Stars sind natürlich die Filme, die hier ihre Premieren mehr oder weniger erfolgreich über die Leinwand bringen. Hier folgt eine kleine Zusammenfassung der Kandidaten, die in irgendeiner Weise besonders inspirierend, mitreißend oder enttäuschend waren.

Der diesjährige Eröffnungsfilm stammt von den Coen Brüdern: True Grit (2010) kann und- so schwer es mir fällt, es zuzugeben– nur mäßig der Coen-Stimmung gerecht werden, die man sich erwartet.
Die 14- jährige Mattie Ross (Hailee Steinfeld) überzeugt den rauhen Kopfgeldjäger Rooster Cogburn (Jeff Bridges) davon, ihr bei der Suche und Exekution des Mörders ihres Vaters zu helfen. Gemeinsam mit dem dubios gekleideten texanischen Sheriff LaBoeuf (Matt Damon) reiten sie in Richtung Rache. Ohne den hinreißenden Jeff Bridges und den charmant-dämlichen Matt Damon wäre dieser Post-Western einfach ein Film geworden, in dem ein starkes Mädchen aufgrund ihres zähen Charakters zwar in einer von Männern dominierten Welt durchkommt, aber dafür mit erheblichen Zugeständnissen rechnen muss. Der Dude mischt dem Westerngebräu die nötige Portion Lässigkeit bei.

Weg von den Enttäuschungen, hin zu den positiven Überraschungen: Almanya (2010). Die Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli haben einen Film über türkisch-deutsche Migranten gedreht. Gähn- denkt man. Wieder einer dieser Problemfilme, die einem den Humor aus der Hirnrinde saugen und statt mit Vorurteilen “aufzuräumen”, diese eher indirekt verfestigen. Alle die so denken, haben diesmal nichts zu meckern.
In Almanya wird die Geschichte der Familie Yilmaz erzählt. Der Großvater kommt als Gastarbeiter nach Deutschland, holt später seine Frau und die zwei Söhne nach, bleibt in Deutschland und sie wachsen zu einer türkisch-deutschen oder deutsch-türkischen Großfamilie heran. Nun wird der Enkel Cenk in der Schule auf seine Herkunft aufmerksam gemacht und will nach seinen Wurzeln forschen – schließlich muss er sich ja für eine Mannschaft entscheiden – entweder Türke oder Deutscher. Beides geht nicht. So erzählt ihm seine Tante, wie alles begann… Dabei spielen die Regie-Schwestern einerseits mit vorhandenen Klischees, betten diese jedoch so geschickt und humorvoll in die Familiengeschichte ein, dass man nicht zu nervigen Verallgemeinerungen verleitet wird, sondern eher durch das Zucken im Zwerchfell eigene Denkweisen hinterfragt.

The Future (2011) von Alleskönnerin Miranda July erzählt in typisch skurriler July-Manier aus der Perspektive einer Katze die Geschichte von Jason (Linklater) und Sophie (Miranda July), einem Indie-Pärchen aus Los Angeles.
Das Paar ist Mitte 30, also in fünf Jahren 40, was sich ja beinahe an die dumpfe 50 anschmiegt und damit nur noch mit Kleingeld gleichgesetzt werden kann. Die tickende Uhr des Lebens macht sich bei den beiden aber erst dann richtig bemerkbar, als sie beschließen eine Katze, die sie verletzt auf der Straße aufgesammelt und im Tierheim abgegeben haben, zu adoptieren. Nun haben sie 30 Tage Zeit (so lange dauert es bis das Pfötchen der Katze verheilt und sie somit adoptierbar ist) um ihr derzeitiges Leben um-, auf- und wieder abzukrempeln. Tanzlehrerin Sophie kündigt ihren Job, trennt sich vom Internet und übt an einer vorzeigbaren YouTube- Tanzchoreografie. Jason wird zum Hausierer, scheitert bei dem Versuch Bäume zu verkaufen und lernt dabei einen lebensklugen Senioren kennen, der ihn mit leicht obszönen Limmericks und Beziehungsratschlägen zur Seite steht.
Wie wäre es, wenn man die Zeit anhalten könnte?
Diese Frage stellen sich nicht nur Jason und Sophie. Miranda July versucht mit einer Ladung Humor, einer Prise Schrulligkeit und einer Menge hintergründiger Dialoge dem nachzugehen, was Möglichkeit ist und vielleicht Zukunft wird. Nach Ich und Du und Alle, die wir kennen (2006) ist The Future Miranda Julys zweiter Spielfilm. Ihr Buch 10 Wahrheiten versammelt Kurzgeschichten und Anekdoten und ist 2008 im Diogenes Verlag erschienen.

Zurecht gehyped wird Wim Wenders’ 3D Spektakel PINA (2011). Eine Hommage an eine beeindruckende Frau, die sogar mit geschlossenen Augen alles sah. Pina Bauschs Wuppertaler Ensemble präsentiert uns visuelle Zuckerstücke aus “Café Müller“, „Le Sacre du Printemps“, „Vollmond“ und „Kontakthof“. Alles Choreografien die Pina Bausch zu Lebzeiten mit Wim Wenders für das gemeinsame Projekt aus ihrem Repertoire auswählte.

Das krasse Gegenstück dazu will ich euch natürlich auch nicht vorenthalten, auch wenn er aus der Sektion Panorama kommt. Größtenteils leiden nämlich Filme, die sich mit dem Zusatz 3D schmücken, an uninteressanter Handlung, schlechten Dialogen und miserablen Schauspielern – Filme wie Gareth Maxwell Roberts’ The Mortician (2010). Das als SF-Märchen angepriesene Trauerspiel kann lediglich mit einem netten Setting beeindrucken. Darin darf Method Man einen introvertierten Bestatter spielen, der seinen Ödipuskomplex durch ein Reenactment auslebt, um mit sich und der düsteren Welt um ihn herum wieder ins Reine zu kommen. Er hilft einem kleinen Jungen und dessen Restfamilie beim Kampf gegen üble Straßengangster, die mal wahllos und mal gezielt Menschen umbringen. Gelegentlich schaut er bei seiner warmherzigen Lieblingsprostituierten vorbei, die am Ende des Films zu seiner Partnerin wird. Das einzig Positive: Man weiß wieder, was ein schlechter Film ist– aus dem Kino flüchten ist hier erlaubt.

Margin Call (2011) von Regisseur J.C. Chandor beschreibt den Vorabend der US- Bankenkrise von 2008. Wall Street. Es finden bereits rigorose Entlassungaktionen statt, da entdeckt ein gewiefter Risikomanager, dass die Rechnung, auf der sämtliche Kreditvergaben basieren, doch nicht aufgeht. In einem eiligen Mitternachtsmeeting besprechen die hohen und weniger hohen Tiere des nun marode gewordenen Großunternehmens den Weg des geringsten Verlustes – natürlich nicht für die Mehrheit der noch ahnungslosen Bürger, sondern die Porsche fahrende Minderheit der Manager. Wer die Gelegenheit hatte Cleveland Versus Wall Street (2010) von Jean-Stéphane Bron zu sehen, den wird Margin Call mit 98,4%iger Sicherheit kaum berühren. Dafür kann man die schauspielerische Leistung von Jeremy Irons dankbar über sich ergehen lassen.

Übrigens kann man sich die Filmkatalogartikel der Berlinale online kostenfrei auf den heimischen Bildschirm holen. Einfach im Online Programm den Film suchen und dann dort das PDF herunterladen.

Das war erst mal ein kurzer Überblick über die glänzenden und matten Perlen der 61. Berlinale. Nachschub kommt bald!

Dieser Beitrag ist auch auf Fragmente erschienen.

127 Hours

Ohne auch nur einen Menschen zu benachrichtigen macht sich der abenteuerlustige Aaron Ralston (James Franco) auf in die Berglandschaft von Utah. In einer kleinen abgelegenen Schlucht gerät der Bergsteiger jedoch in eine lebensbedrohliche Situation, als ihm ein abstürzender Felsbrocken auf den Arm rollt und ihn scheinbar ausweglos gefangen hält. Ausgerüstet mit kargem Proviant und einer dürftigen Ausrüstung versucht Ralston zu überleben. Sein einziger Kompagnon ist ein Camcorder, mit dem er die qualvollen Stunden bis zu seiner aufreibenden Befreiungsaktion für die Nachwelt dokumentiert. Zwar muss er dabei mehr als nur Schweiß und Blut lassen, wird aber um eine wichtige Erkenntnis bereichert…

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Das Drehbuch basiert auf Aaron Ralstons 2004 publiziertem Buch Between a Rock and a hard Place (deutscher Titel: Im Canyon) und wurde von Danny Boyle und Simon Beaufoy, die 2008 für Slumdog Millionaire den Oscar für den Besten Film erhielten, für die Leinwand adaptiert.

Basierend auf einer wahren und übermenschlich wirkenden Geschichte, macht Danny Boyle mit seinem gutgewählten Darsteller James Franco eine One-Man-Show. Die meiste Zeit über sehen wir nur ihn: Einen Menschen, der angesichts der totalen Konfrontation mit der eigenen Person eine innere Entwicklung durchmacht – was für einen Film immer eine besondere Herausforderung bedeutet. Danny Boyle versucht diese Problematik mit Rückblenden und Traumsequenzen zu lösen. So erinnert sich Aaron Ralston an die letzte Beziehung, an seine Familie, an verpasste Chancen und an die zwei Amateur-Bergsteigerinnen, denen er vor seiner Begegnung mit der Felsspalte mit einem blasiertem Grinsen die Bergwelt erklärte.

Mit einem „Ooops“ fängt es an. Das ist das Wort, welches Aaron mit halber Ungläubigkeit angesichts seiner abstrusen Situation aus dem Mund purzelt: Sein Arm steckt unter einem enormen Felsbrocken und er selbst hängt an ihm und einige Meter über dem rettenden Boden. „Ooops“ – In diesem Wort steckt die Art von Zugeständnis, die alles gnadenlos offenlegt. Mit diesem Wort James Franco - 127 Hours - Szenebeginnt auch für den Zuschauer die Metamorphose des Helden, der – anfangs noch ein unzugänglicher Draufgänger – im Laufe des Films zwar glücklicherweise nicht zu einem typischen Hollywoodhelden mutiert, aber es immerhin zeitweise schafft, Respekt zu erzeugen. Es handelt sich um Respekt vor einem Menschen, der in der absoluten Zurückgeworfenheit auf sich selbst die eigenen Fehler gnadenlos aufdeckt, sich an ihnen abarbeitet und dadurch neue Kraft schöpft. Einen Menschen, der scheitert, weil er bei aller Unabhängigkeit und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung nicht mit einem wichtigen Hindernis gerechnet hat: Sich selbst.

Aber das „Ooops“ springt dem Zuschauer von 127 Hours schon früher vor die Augen. Als er nämlich zu Beginn des Films von einer offensiven Videoclipästhetik heimgesucht wird, die ihm vermitteln soll, mit welcher Sorte Held er es in den folgenden 90 Minuten zu tun haben wird. Oberflächlich und ungebunden räumt dieser den eigenen Bedürfnissen absoluten Vorrang ein. In Zeiten ständiger Erreichbarkeit und permanenter Vernetztheit verzichtet er darauf, sich mitzuteilen und katapultiert sich damit in den Schlund der eigenen Vorhölle. Boyles unmissverständliche Botschaft, die Rückbesinnung auf die Gemeinschaft und Familie, gerät zuweilen in kitschige Gefilde, die durch eine Portion Fatalismus gegen Ende des Films dem malträtierten Publikum bitter aufstoßen kann.

Andererseits: Es gibt Menschen wie Aaron Ralston, die sich immer wieder ihre Eigenständigkeit unter Beweis stellen müssen. Menschen, die sich nur auf sich selbst verlassen, weil sie Ungebundenheit mit Unabhängigkeit gleichsetzen und Hilfenehmen für sie Schwäche bedeutet. In der Auseinandersetzung mit eben jener Schwäche, keine Hilfe annehmen zu wollen, blüht der Film für einige Momente auf. Nämlich genau dann, wenn Boyle seinen Protagonisten mit der Videokamera zur Selbstreflexion zwingt. Dadurch erhält 127 Hours paradoxerweise einen Moment von Unmittelbarkeit, der dem restlichen Film fehlt. Denn die Selbstbefreiungsaktion eines Mannes, der 127 Stunden in einer Felsspalte klemmt, hätte durchaus auch Stoff eines knackigen Kurzfilms sein können.

Auch wenn die Anreicherung der Story durch Rückblenden und Traumsequenzen dazu beiträgt das Publikum auf Trab zu halten, sind diese Sequenzen lediglich in der Peripherie einer Geschichte anzusiedeln, die ohne sie einfach weniger filmtauglich wäre. Und das merkt man auch. Denn so schmerzhaft und quälend Ralstons Situation auch gewesen sein mag, spürt der Zuschauer diese nicht etwa durch Identifikation mit der Figur, sondern durch das Aussitzen eines mal aufwühlenden, größtenteils aber eher drögen Ein-Mann-Kammerspiels. Boyles Fokus liegt dabei nicht wirklich auf seinem Protagonisten, sondern auf der Beweihräucherung seiner eigenen Virtuosität.


127 Hours USA 2010
Genre: Drama
Originaltitel: 127 Hours Regie: Danny Boyle Drehbuch: Danny Boyle, Simon Beaufoy Darsteller: James Franco, Amber Tamblyn, Kate Mara, Clémence Poésy

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I’m Here – Kurzfilm von Spike Jonze (online)

Erst auf dem Sundance Film Festival, dann auf der Berlinale und jetzt im Internetz. Der 30minütige Robo-Kurzfilm  I’m Here (2010) ist nicht nur was für eingefleischte Spike Jonze Anhänger (oder Absolut Vodka Trinker). Und jetzt schnell in den Trailer:

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Roboter Sheldon (Andrew Garfield) hat ein monotones Leben: Er arbeitet in einer Bücherei, fährt Bus und betreibt Selbstbekabelung. Das alles ändert sich, als er die lebenslustige Robofrau Francesca (Sienna Guillory) kennenlernt, die den schüchternen Sheldon mit ihrem abenteuerlichen Wesen ansteckt. Die beiden verlieben sich, gehen auf Konzerte und feiern wilde Parties. Doch Francescas ungestümer Charakter droht die Zweisamkeit der Frischverliebten auf die Probe zu stellen: Erst verliert sie ihren Arm, dann ein Bein– durch spontane Extremitätenspende kann Sheldon seine Freundin wieder komplettieren. Vorerst jedenfalls…

Wer die melancholische Roboter-Romanze sehen will, klickt auf imheremovie.com und muss ein wenig Glück haben. Denn täglich werden nur 3000 Tickets für die sehenswerte Online-Vorstellung gelöst.

Und hier kann man sich There Are Many of Us, den musikalischen Ohrenschmeichler von ASKA in den Gehörgang einspeisen:

Mother

Wie weit geht eine Mutter für ihren Sohn? Dieser Frage geht Bong Joon-ho mit Mother (2009) konsequent und kompromisslos nach – bis zum bitteren Ende.

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Dabei fängt Mother eigentlich ganz locker, ja sogar komödiantisch an, als der geistig herausgeforderte Do-jun (Won Bin) beinahe von einem Mercedes überrollt wird und sich daraufhin mit seinem gerissenen Kumpel Tae-Jin (Gu Jin) auf die Jagd nach den Fahrerflüchtigen macht, um diese in einem entlegenen Golfgebiet mit den eigenen Golfschlägern aufzumischen. Do-jun muss dann, wie wahrscheinlich schon oft zuvor in seinem 27-jährigen Leben, von der überführsorglichen Mutter (Kim Hye-ja) auf dem städtischen Polizeirevier eingesammelt werden. Do-jun ist ihr einziger Sohn und die alleinstehende Mutter hat es sich zur ultimativen Lebensaufgabe gemacht, ihn vor dem Bösen auf der Welt zu schützen. Fragt sich nur, wo das Böse ist – vielleicht sogar in Do-jun selbst? Der wird nämlich kurz darauf bezichtigt, ein junges Mädchen umgebracht zu haben. Zeugen sagen gegen ihn aus und auch weitere Indizien sprechen für seine Täterschaft, sodass ihn die Polizei schnell dingfest macht.Doch die Ordnungshüter haben nicht mit der zähen Mutter des Jungen gerechnet. Diese nimmt ihrerseits die Ermittlungen auf, bemüht einen ignoranten Anwalt und versucht verzweifelt, die Unschuld ihres Jungen zu beweisen. Dabei ist sie auch bereit, die eine oder andere bittere Grenze zu überschreiten…

Wir wagen einen Blick in den Trailer:

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Hintergrund:

Bong Joon-ho erregte 2006 mit seinem Monsterfilm The Host weltweites Aufsehen und gewann Kritikerlob und Publikumsbegeisterung. The Host ist bis heute der erfolgreichste koreanische Film aller Zeiten.

Mother war nicht nur als offizieller Beitrag Südkoreas für die Oscar-Verleihung 2010 nominiert, sondern gewann bei den Asian Film Awards 2010, dem asiatischen Oscar-Äquivalent, gleich mehrere Preise, darunter die Auszeichnung für Bester Film und Bestes Drehbuch. Außerdem wurde Kim Hye-ja, in Korea ein gefeierter TV-Star, als Beste Hauptdarstellerin geehrt.

Kritik:

Unerwartete Wendepunkte gepaart mit gelungenem Genremix, angereichert mit überzeugender Schauspielkunst und Bildern, die das Auge umschmeicheln – das alles ist Mother.

Es ist der vierte Langfilm des koreanischen Regietalents und nach The Host, der zweite „Monsterfilm“. Diesmal ist die Anklage gegen vertrackte Hierarchien und marode Institutionen eher nebensächlich. Vielmehr steht die dysfunktionale Mutter-Sohn Beziehung im Fokus des Filmgeschehens. An ihr arbeitet sich Bong Joon-ho anfangs noch mit viel Witz und Ironie ab, bevor er ihr im Laufe der 124 Minuten immer groteskere Züge verleiht, und sie schließlich in einem überraschenden und gleichermaßen beklemmenden Ende gipfeln lässt. Von den zahlreichen Wendepunkten wirken einige wie dramaturgische Sackgassen – sie deuten zwar Spannung an, aber haben kaum Mehrwert und ziehen den Film in die Länge. Dennoch ist Mother ein sehr sehenswerter Film und Bong Joon-ho beweißt, dass er mit diesem Psychothriller und der großartigen Kim Hye-ja in der Rolle der Mutter durchaus eine Art weiblichen Oldboy geschaffen hat. Der Regisseur dieses Kultfilms, Park Chan-Wook wird übrigens Bong Joon-hos nächstes Filmprojekt produzieren.

Zu den Extras der DVD von Ascot Elite:

Bei dem Interview mit Bong Joon-ho handelt es sich um den qualitativ dürftigen Mitschnitt eines Podiumsgesprächs auf dem diesjährigen Filmfest München und setzt ein Publikum mit Ausdauer voraus, da die Übersetzung nicht simultan verläuft. Geduldige erfahren hier aber viel über die Motivation des erfolgreichen Regisseurs, über den Einfluss von Hitchcock in seiner filmischen Reifung und über Bong Joon-hos Zugang zur koreanischen Gesellschaft. Besonders gehaltvoll und knackig ist das Making Of, wo auf Drehortsuche und Setgestaltung eingegangen wird und man seitens zahlreicher Filmmitglieder kurze Einsichten über den Produktionsprozess von Mother erfährt. Behind the Scenes sowie Teaser und Trailer existieren nur in der koreanischen Originalversion und sind leider nicht untertitelt.

Mother Südkorea 2009

Genre: Thriller

Originaltitel: Madeo Regie: John-ho Bong Drehbuch: Eun-kyo Park, John-ho Bong Darsteller:Kim Hye-ja, Won Bin, Jin Ku

Dieser Text ist auch auf independentfilme.com erschienen.