Schlagworte: Berlinale 2011

Berlinale Wrap-Up#2

Die 61. Berlinale ist vorbei und wir verdauen noch ihre audiovisuellen Leckerbissen. Wie versprochen kommt hier ein kritischer Nachschlag über die diesjährige Ausbeute. Dieses Mal blicken wir in Richtung Panorama Dokumente und machen einen Schwenk ins Forum.    war In der Sektion Panorama Dokumente zeigte sich die Berlinale von ihrer politischen Seite. Die amerikanische Filmemacherin Lynn Hershman Leeson behandelt in !Women Art Revolution (2010) das Feminist Art Movement der 70er Jahre. Zusammengestückelt aus über 40 Jahren eigenem Filmmaterial schildert Hershman Leeson in Interviews mit befreundeten Künstlern, Kuratoren und Kunsthistorikern den mühsamen Weg, den feministische Kunst in den 70 er Jahren auf männlichem Terrain zu bestreiten hatte. Auch jüngere Stimmen kommen zu Wort, wodurch ein Bezug zur Gegenwart gewährleistet wird. Dass Lynn Hershman Leeson selbst Teil der feministischen Bewegung war, verleiht dem Film zwar einen gewissen Insidertouch, sorgt aber auch für mangelnde Distanz und nicht zuletzt für eine zunehmend polemische Haltung, die das Gesamtwerk etwas trübt. Angesichts des enormen Umfangs an vorhandenem Material, kann der entstandene Film aber nur als einer von vielen möglichen Filmen gesehen werden. Der Rest ist unter www.womenartrevolution.com online zugänglich.

blackpowermixtape

Wesentlich unbeteiligter – zumindest was die geografische Verortung betrifft– ist der Standpunkt des schwedischen Filmemeachers Göran Hugo Olsson, dessen Black Power Mixtape 1967-1975 (2011) bereits auf dem Sundance Film Festival im Januar 2011 Premiere feierte. Wer hätte gedacht, dass in Schwedens Film- und Fernseharchiven massenhaft Material zur Black-Power-Bewegung versteckt war? Gut, dass es einer gemerkt hat und durch die Archive wilderte, um uns eine historisch angelegte Compilation zur afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zwischen 1967 und 1975 zu liefern. Denn die seitens der US-Medien als Terrorvereinigung beschimpfte Black-Power-Bewegung rund um Bürgerrechtler Stokely Carmichael und Angela Davies lockte in den 70er Jahren auch einige schwedische Dokumentarfilmer an den Ort des Geschehens. Der daraus gebastelte Film wirkt teilweise wie eine Abarbeitung historischer Eckdaten, was man ihm aber hinsichtlich seines Informationsgehaltes und nicht zuletzt der musikalischen Untermalung gerne verzeiht.

wewerehere

Auf die Tränendrüse drückt David Weissman mit We Were Here (2011), ebenfalls in der Sektion Panorama Dokumente. Der Film begibt sich ins San Francisco der frühen 80er Jahre, mitten ins Zentrum der amerikanischen Schwulenbewegung, die zu der Zeit Opfer der epidemischen Ausbreitung von AIDS wird. Anahand ausgewählter Interviews und einer Fülle von Archivmaterial zeigt David Weissman, welche Auswirkungen die vorerst als “Gay Cancer” bezeichnete Immunschwächeerkrankung auf die Bürger von San Francisco hatte. Neben den sehr persönlichen Schicksalen zeigt der Film auch den hetzerischen Umgang der Medien mit dem Thema AIDS. We Were Here berührt durch den Appell an die Menschlichkeit. Wenn ich nur einen der gesehenen Berlinalefilme empfehlen könnte, dann diesen.

thequeen

Sehr sehenswert ist auch Tomer Heymanns Dokumentarfilm The Queen Has No Crown (2011). Der israelische Filmemacher, der die Berlinale 2006 bereits mit Paper Dolls bespielte, beschert seinem Publikum eine facettenreiche und sehr private Studie, die familiäre, politische und sexuelle Identitäten gleichsam kritisch und einfühlsam offenlegt. Im Vordergund steht das Leiden seiner Mutter, die durch den Wegzug ihrer Kinder mit der eigenen Einsamkeit konfrontiert wird. Daneben handelt der Film auch von der Suche nach Liebe, vom Loslassen und Ankommen. Heymann verirrt sich aber nicht in familiären Zwistigkeiten und Schicksalsschlägen, sondern traut sich auch politische Konfliktherde, wie den israelisch-palästinensischen Konflikt oder den privaten und öffentlichen Umgang mit Homosexualität im Nahen Osten zu betreten.

dreilebenpetNun wird es Zeit für einen Schwenk in Richung Forum, nämlich auf einen 4,5 stündigen Filmbrocken, den ich jedem nörgelnden GEZ-Zahler nur wärmstens empfehlen kann. Als Fernsehfilm von WDR, BR und ARD Degeto produziert, ist die Wirkung von Dreileben (2011) auch auf der großen Leinwand durchaus anregend. Das Projekt ist die Frucht einer theoretischen Auseinandersetzung zwischen Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler mit den Themen Genre, Filmästhetik und Berliner Schule in der Filmzeitschrift Revolver (Heft 16) aus dem Jahr 2006.

Die Regisseure zeigen uns darin drei “Filme in Korrespondenz”, die jeweils um einen Kriminalfall im Thüringischen Städtchen Dreileben (eigentlich Oberhof bei Suhl) kreisen, jedoch aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt werden. Es ist Sommer in Dreileben und ein Sexualstraftäter ist aus einer Anstalt ausgebrochen. Christian Petzold nimmt dies zum Anlass, um mit “Etwas Besseres als den Tod”, ein Coming-of-Age-Drama zu inszenieren, das er in der Peripherie des Kriminalfalls ansiedelt. Dominik Graf schickt in “Komm mir nicht nach” eine Münchner Psychologin an den Tatort, die dort nicht nur mit dem bizarren Vorfall, sondern auch mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert wird. Christoph Hochäusler schließlich, führt uns in seinem düsteren “Eine Minute Dunkel” in das Innenleben und das Umfeld des gesuchten Straftäters.

Die drei Filme nacheinander zu sehen beschert einem das Vergnügen, die Schnittstellen filmischer Korrespondenzen nachzuverfolgen und die unterschiedlichen Handschriften der drei Autorenfilmer in direktem Bezug zueinander wahrzunehmen. Ausgestrahlt wird Dreileben als TV-Mehrteiler voraussichtlich im September 2011. Das Filmmagazin CARGO hat die Regisseure bei den Dreharbeiten begleitet, Einblicke dazu gibt es hier.

Berlinale Wrap-Up #1

Trotz eisiger Minusgrade, befinden wir uns uns mitten in der heißesten Filmzeit des Jahres in Berlin: der 61. Berlinale. Vom 10. bis zum 20. Februar verwandelt sich die Gegend um den Potsdamer Platz in einen großen roten Teppich. Aber viel wichtiger als Stars sind natürlich die Filme, die hier ihre Premieren mehr oder weniger erfolgreich über die Leinwand bringen. Hier folgt eine kleine Zusammenfassung der Kandidaten, die in irgendeiner Weise besonders inspirierend, mitreißend oder enttäuschend waren.

Der diesjährige Eröffnungsfilm stammt von den Coen Brüdern: True Grit (2010) kann und- so schwer es mir fällt, es zuzugeben– nur mäßig der Coen-Stimmung gerecht werden, die man sich erwartet.
Die 14- jährige Mattie Ross (Hailee Steinfeld) überzeugt den rauhen Kopfgeldjäger Rooster Cogburn (Jeff Bridges) davon, ihr bei der Suche und Exekution des Mörders ihres Vaters zu helfen. Gemeinsam mit dem dubios gekleideten texanischen Sheriff LaBoeuf (Matt Damon) reiten sie in Richtung Rache. Ohne den hinreißenden Jeff Bridges und den charmant-dämlichen Matt Damon wäre dieser Post-Western einfach ein Film geworden, in dem ein starkes Mädchen aufgrund ihres zähen Charakters zwar in einer von Männern dominierten Welt durchkommt, aber dafür mit erheblichen Zugeständnissen rechnen muss. Der Dude mischt dem Westerngebräu die nötige Portion Lässigkeit bei.

Weg von den Enttäuschungen, hin zu den positiven Überraschungen: Almanya (2010). Die Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli haben einen Film über türkisch-deutsche Migranten gedreht. Gähn- denkt man. Wieder einer dieser Problemfilme, die einem den Humor aus der Hirnrinde saugen und statt mit Vorurteilen “aufzuräumen”, diese eher indirekt verfestigen. Alle die so denken, haben diesmal nichts zu meckern.
In Almanya wird die Geschichte der Familie Yilmaz erzählt. Der Großvater kommt als Gastarbeiter nach Deutschland, holt später seine Frau und die zwei Söhne nach, bleibt in Deutschland und sie wachsen zu einer türkisch-deutschen oder deutsch-türkischen Großfamilie heran. Nun wird der Enkel Cenk in der Schule auf seine Herkunft aufmerksam gemacht und will nach seinen Wurzeln forschen – schließlich muss er sich ja für eine Mannschaft entscheiden – entweder Türke oder Deutscher. Beides geht nicht. So erzählt ihm seine Tante, wie alles begann… Dabei spielen die Regie-Schwestern einerseits mit vorhandenen Klischees, betten diese jedoch so geschickt und humorvoll in die Familiengeschichte ein, dass man nicht zu nervigen Verallgemeinerungen verleitet wird, sondern eher durch das Zucken im Zwerchfell eigene Denkweisen hinterfragt.

The Future (2011) von Alleskönnerin Miranda July erzählt in typisch skurriler July-Manier aus der Perspektive einer Katze die Geschichte von Jason (Linklater) und Sophie (Miranda July), einem Indie-Pärchen aus Los Angeles.
Das Paar ist Mitte 30, also in fünf Jahren 40, was sich ja beinahe an die dumpfe 50 anschmiegt und damit nur noch mit Kleingeld gleichgesetzt werden kann. Die tickende Uhr des Lebens macht sich bei den beiden aber erst dann richtig bemerkbar, als sie beschließen eine Katze, die sie verletzt auf der Straße aufgesammelt und im Tierheim abgegeben haben, zu adoptieren. Nun haben sie 30 Tage Zeit (so lange dauert es bis das Pfötchen der Katze verheilt und sie somit adoptierbar ist) um ihr derzeitiges Leben um-, auf- und wieder abzukrempeln. Tanzlehrerin Sophie kündigt ihren Job, trennt sich vom Internet und übt an einer vorzeigbaren YouTube- Tanzchoreografie. Jason wird zum Hausierer, scheitert bei dem Versuch Bäume zu verkaufen und lernt dabei einen lebensklugen Senioren kennen, der ihn mit leicht obszönen Limmericks und Beziehungsratschlägen zur Seite steht.
Wie wäre es, wenn man die Zeit anhalten könnte?
Diese Frage stellen sich nicht nur Jason und Sophie. Miranda July versucht mit einer Ladung Humor, einer Prise Schrulligkeit und einer Menge hintergründiger Dialoge dem nachzugehen, was Möglichkeit ist und vielleicht Zukunft wird. Nach Ich und Du und Alle, die wir kennen (2006) ist The Future Miranda Julys zweiter Spielfilm. Ihr Buch 10 Wahrheiten versammelt Kurzgeschichten und Anekdoten und ist 2008 im Diogenes Verlag erschienen.

Zurecht gehyped wird Wim Wenders’ 3D Spektakel PINA (2011). Eine Hommage an eine beeindruckende Frau, die sogar mit geschlossenen Augen alles sah. Pina Bauschs Wuppertaler Ensemble präsentiert uns visuelle Zuckerstücke aus “Café Müller“, „Le Sacre du Printemps“, „Vollmond“ und „Kontakthof“. Alles Choreografien die Pina Bausch zu Lebzeiten mit Wim Wenders für das gemeinsame Projekt aus ihrem Repertoire auswählte.

Das krasse Gegenstück dazu will ich euch natürlich auch nicht vorenthalten, auch wenn er aus der Sektion Panorama kommt. Größtenteils leiden nämlich Filme, die sich mit dem Zusatz 3D schmücken, an uninteressanter Handlung, schlechten Dialogen und miserablen Schauspielern – Filme wie Gareth Maxwell Roberts’ The Mortician (2010). Das als SF-Märchen angepriesene Trauerspiel kann lediglich mit einem netten Setting beeindrucken. Darin darf Method Man einen introvertierten Bestatter spielen, der seinen Ödipuskomplex durch ein Reenactment auslebt, um mit sich und der düsteren Welt um ihn herum wieder ins Reine zu kommen. Er hilft einem kleinen Jungen und dessen Restfamilie beim Kampf gegen üble Straßengangster, die mal wahllos und mal gezielt Menschen umbringen. Gelegentlich schaut er bei seiner warmherzigen Lieblingsprostituierten vorbei, die am Ende des Films zu seiner Partnerin wird. Das einzig Positive: Man weiß wieder, was ein schlechter Film ist– aus dem Kino flüchten ist hier erlaubt.

Margin Call (2011) von Regisseur J.C. Chandor beschreibt den Vorabend der US- Bankenkrise von 2008. Wall Street. Es finden bereits rigorose Entlassungaktionen statt, da entdeckt ein gewiefter Risikomanager, dass die Rechnung, auf der sämtliche Kreditvergaben basieren, doch nicht aufgeht. In einem eiligen Mitternachtsmeeting besprechen die hohen und weniger hohen Tiere des nun marode gewordenen Großunternehmens den Weg des geringsten Verlustes – natürlich nicht für die Mehrheit der noch ahnungslosen Bürger, sondern die Porsche fahrende Minderheit der Manager. Wer die Gelegenheit hatte Cleveland Versus Wall Street (2010) von Jean-Stéphane Bron zu sehen, den wird Margin Call mit 98,4%iger Sicherheit kaum berühren. Dafür kann man die schauspielerische Leistung von Jeremy Irons dankbar über sich ergehen lassen.

Übrigens kann man sich die Filmkatalogartikel der Berlinale online kostenfrei auf den heimischen Bildschirm holen. Einfach im Online Programm den Film suchen und dann dort das PDF herunterladen.

Das war erst mal ein kurzer Überblick über die glänzenden und matten Perlen der 61. Berlinale. Nachschub kommt bald!

Dieser Beitrag ist auch auf Fragmente erschienen.