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Das Meer- Eine Ausstellung des Masterstudiengangs „Europäische Medienwissenschaft”

Alle, die schon länger einen Ausflug nach Potsdam geplant, aber bisher keinen triftigen Grund dafür gefunden haben, bekommen nun einen:Meer-Ausstellung der EMW

Masterstudenten des ersten Semesters EMW zeigen in einer zweitägigen Werkschau ihre Projekte rund um das Meer.

Vernissage: Mittwoch, 27. April, 18 Uhr

Weiter: Donnerstag, 28. April 11 bis 18 Uhr sowie Freitag, 29. April 11 bis 14 Uhr

Ort: Galerie der Fachhochschule Potsdam, Kiepenheuerallee 5, 14469 Potsdam

Nan Goldin@Berlinische Galerie

Vom 20. November 2010 bis zum 28. März 2011 bespielt Nan Goldin die Berlinische Galerie mit 80 Werken, die teilweise noch nie zuvor zu sehen waren.

Bea with the blue drink, O-Bar, West-Berlin, 1984 © Nan Goldin / Courtesy Matthew Marks Gallery, New York
Bea with the blue drink, O-Bar, West-Berlin, 1984 © Nan Goldin / Courtesy Matthew Marks Gallery, New York

Viele der gezeigten Bilder haben einen ganz speziellen Bezug zu Berlin– der Stadt, die für Goldin mehrere Jahre lang zum Lebensmittelpunkt und kreativen Nährboden wurde. Auf den ersten Blick vielleicht voyeuristisch anmutend, ist Nan Goldins facettenreiches Werk vielmehr ein Zugeständnis an die Flüchtigkeit menschlicher Existenz.

Hinter der Dokumentation ihres Mikrokosmos blitzt eine Umittelbarkeit hervor, die eine eigene Qualität entfaltet. Das Umklammern von Vergänglichkeit scheint auf diesen Bildern visuell erfahrbar zu werden.Vielleicht ist es genau dieser Drang, der ihnen eine auratische Substanz verleiht und sie so sehenswert macht.

Unbedingt anschauen:  I’ll be your mirror, eine 50-minütige Dokumentation, die Nan Goldins persönlichen Zugang zur Fotografie widerspiegelt und im Rahmen der Ausstellung zu sehen ist.

Eine kleine Heimschau kann man bei den artschoolvets genehmigen. Mehr audiovisuellen Input bekommt man bei artnet.

Nan Goldin – Berlin Work
Fotografien 1984-2009
20. November 10 bis 28. März 11

Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin-Kreuzberg
http://www.berlinischegalerie.de
Öffnungszeiten:
Mi bis Mo 10 – 18 Uhr

Organische Gehänge von Hanna Hedman

Mund zu und Augen auf für Hanna Hedman, einer schwedischen Designerin, die unser Kunstorgan mit ihrer aktuellen Ausstellung ESCAPE vorbildlich erweitert!

Hanna Hedman "HUMAN TREE" 2010 Photographs by Sanna Lindberg
Hanna Hedman “HUMAN TREE” 2010
Photographs by Sanna Lindberg
Hanna Hedman "HUMAN TREE" 2010 Photographs by Sanna Lindberg
Hanna Hedman “HUMAN TREE” 2010
Photographs by Sanna Lindberg
gesehen bei paperschmaper

Häßliches wird mit Schönem kontrastiert, Realität mit Kunst und Funktionalität konfrontiert und menschlichen Ängsten wird die individuelle Fantasiewelt entgegengesetzt. Die Schmuckstücke selbst sind inspiriert vom mexikanischen Körper- und Totenkult, wirken surreal und sollen zu wilden Assoziationen anregen, aber gleichzeitig Einblicke in die suggestive Welt der Designerin vermitteln.

Hanna Hedman über den kreativen Entstehungsprozess ihrer organischen Schmuckstücke:

My art reference jewellery of past centuries, but the development of each piece progress organically with limited predefined planning. Fragments are created individually and then combined in a similar fashion as stories develop over time. The pieces are extension of one’s body, but also a sense of escape.

Die Ausstellung ESCAPE ist momentan noch bis zum 30. Oktober 2010 im SODA Istanbul zu bewundern. Wer Lust auf eine digitale Führung hat, klick hier:

Mehr Informationen zur Ausstellung und über die Designerin gibt es hier.

Die personifizierte Grenzerfahrung – Marina Abramović im MoMA

Mund zu und Augen auf für Perfomance-Künstlerin Marina Abramović, die jüngst im New Yorker MoMA einige von 1565 kunsthungrigen Augenpaaren zu Tränen rührte.

"The Artist is Present" Marina Abramovic MoMA - New York
Foto: © 2010 Marco Anelli via MoMA

Im Rahmen ihrer Retrospektive vom 14. März bis zum 31. Mai, konnte man Marina Abramović gegenübersitzen und sich von ihrer Wirkung beeinflussen lassen. Insgesamt 736 Stunden und 30 Minuten lang war die polarisierende Künstlerin präsent.

Bei art-magazin findet ihr einen Überblick über die obskuren, dramatischen und bescheuerten Vorfälle, die sich während der Auststellung mit dem programmatischen Titel The Artist is Present ereigneten. Hier gibt’s ein Interview und da mehr zu Hintergrund und vergangenen Performances.

Neugierig? Dann ab in den Webcam-Zusammenschnitt:

via

Wer Lust hat, kann sich hier durch die Masse der Besuchervisagen wühlen oder auf Marina Abramovic Made Me Cry eine Auswahl verweinter Gesichter begutachten.

Howard Silver hat vor The Artist is Present mit Marina Abramović über ihr Œvre gesprochen. Entstanden ist eine Webdoku, die man hier sehen kann.

Und zum Schluss :

In vielen feministischen Ausstellungen verstecken sich schlechte Künstlerinnen hinter drei guten Namen. Viele Frauen sind nicht bereit, für die Kunst Opfer zu bringen. Sie opfern mehr dafür, Kinder zu haben. Man verfügt nun mal nicht über genug Energie, um alles zu vereinen. [...] Ganz unter uns: Mir gehen Kinder auf die Nerven.

Interview mit art-magazin

Und weil sie außerdem absolut gegen Drogen ist, hab ich mal den bloginternen Algorythmus angeschmissen, um Marina Abramovićs Erzfeind ausfindig zu machen. Das Ergebnis:


Ardi Rizal

via recentissuetoday.com

STROKE.02- Impressionen

Achtung, es wird wieder urban und artsy in München- Stroke.02 geht in die nächste Runde, also Mund zu und Augen auf!

Live-Painting_herakut@Stroke.02

herakut via flickr

Vom 27. bis zum 30. Mai bespielen mehr als 55 internationale Künstler mit über 1 000 Werken das Gelände der Ex-Landeszentralbank am Tucherpark. Von Filmvorführung, Live- Painting und Graffiti, über analoge Fotografie und Tortenmalerei bis hin zu gestrikten Geschlechtsteilen, aufgespießtem Geflügel und LEGO – die Berliner Veranstalter Marco und Raiko Schwalbe (INTOXICATED DEMONS) haben das alte Bankgebäude zusammen mit dem Münchner Team From Hell zu einer bunten Kunst-und Partyanlage gepimpt.

Ich hab mich durch den 10.000 qm- Dschungel der Urban Art gekämpft und ein paar Impressionen mitgenommen.

Wir fangen sozialkritisch an und werfen einen Blick auf die ATM Gallery:

Emess, ATM Galery

Emess, ATM Gallery 2010 via flickr

Ziel der ATM Gallery ist es, ihre Künstler aus der Peripherie des Außenraums ins Zentrum des Bewusstseins zu rücken. Die Eingliederung ins Ausstellungssystem ist für einige Urban Artists eine Grenze, die sie nicht überschreiten wollen. Andererseits können Botschaften, die im öffentlichen Raum sonst undekodiert blieben, durch räumliche Verortung fruchtbar gemacht werden.

Wie auf der Stroke.01, kommt man beim Stichwort “Gesellschaftskritik” an der Münchner Street-Art-Größe Skore 183 nicht vorbei- will man ja auch nicht:

Skore 183, Wallstreet Suite, 2010

Skore 183, “Wallstreet Suite” 2010 via flickr

Nachschlag kann man sich in ganz München und bis zum 10. Juni in der Galerie artThiess holen. Ebenso beeindruckend sind die Materialarbeiten von Torsten Mühlbach, zusammengetackert aus internationalen Mülltüten:

Torsten Mühlbach, Superdeath, Materialbild, Internationale Mülltüten, 2009

Torsten Mühlbach”Superdeath”2009 via flickr

Was dem Kind sein Spinat ist dem urbanen Künstler seine Stroke. Sie soll den vermeintlich marktfernen Ausfluss der Subkultur fit für den großen Kunstmarkt machen. Und wie Spinat, polarisiert auch die Stroke. Einige genießen die Plattform zur lukrativen Selbstdarstellung, andere ziehen eher widerwillig mit und murren gegen die kommerzielle Polung der Messe. Trotzdem: Wenn zu Feierabend ein paar Werke verkauft sind, freut sich jeder. In einem Bild:

Die Straße ist auch morgen noch meine Galerie, ATM Galery

via flickr

oder auch ganz pragmatisch:

Shirts 20 €

via flickr

Die Hot Cheese Crew gibt allen Fernsehkindern und Zöglingen der Masters of the Universe ein zeitgenössisches Stilleben:


Hot Cheese Crew

via flickr

Faszinierend sind die Arbeiten der Künstler Maximilian Geuter und Rafael Gerlach, vertreten von firstlines. Sie haben der Natur organische Fremdkörper eingesetzt- wie harmonisch das wirkt, seht ihr hier:

GerlachGeuter Waldinszenierungen

GerlachGeuter

GerlachGeuter 01, 2010

GerlachGeuter aus der Serie “Waldinszenierungen”, 2010 via flickr

Sex schreit nach wie vor aus vielen Ecken, vielleicht nicht ganz so schrill wie sonst: Während einige Künstler immer noch Gefallen an orgiastischen Motiven mit viel prallem Fleisch finden, schieben die wenigen Künstlerinnen oft Geschlechterdifferenzen in den Bildmittelpunkt.

Ebenfalls organisch und fleischlustig zerrt Ben Wittner von xhoch4 mit seinem City Chicken an den Grenzen der Tierliebe. “Kunst zur Verbesserung der Menschheit” kann so aussehen:

Ben Wittner, City Chicken, xhoch4

Ben Wittner, City Chicken, xhoch4

Ben Wittner, City Chicken 2010 via flickr

Seit der Stroke.01 im Oktober 2009 hat sich einiges geändert. Alles ist größer, der Mietpreis pro Ausstellungsquadratmeter um ein Vielfaches teurer geworden und Sicherheitsleute stehen an jeder Ecke. Das trieft vor Ironie, wenn man bedenkt, dass viele Urban Artists nur zögerlich aus dem Schatten der Illegalität hervortreten und ihre Pseudonyme fallen lassen.

Passend geht es weiter mit den sympathischen Jungs der Galeria Autonomica aus Wetzlar und einem larmoyanten Zwinkern Richtung Kunstmarkt:

Christian Minke, Safety First, 2009

Christian Minke, Safety First, 2009 via flickr

Galeria Autonomica

Galeria Autonomica, via flickr

Wenn Lebensmittelfarbe und Dekadenz sich vereinen, sieht das ein wenig nach Chemielabor aus. Das neue Café Kubitscheck hat sich mit dem wohlklingenden Motto “Fuck the Backmischung” per Online-Aufruf einen Tortendesigner gesucht- und natürlich gefunden. Das Ergebnis? Bitteschön:

A Torten T by Café Kubitscheck

A Torten T by Café Kubitscheck

via flickr

Auf der Stroke.01 konnte man sich schon wund sehen. Das aktuelle Areal ist um einige Stockwerke und Nebenschauplätze größer, was sich dementsprechend auf  Zeitplanung und Bindehaut auswirkt. Zwar stehen sich Qualität und Quantität hier wenig im Weg, doch gelegentlich zwickt einen das Gefühl, Zeuge redundanter Reproduktionen zu sein. Weichgespülte Gesellschaftskritik, die sich dem Markt anbiedert, ist aber nicht nur ein Problem der Urban Art.


Mongomania

Stroke.02

Stroke.02

LEGO PLAYGROUND

Wir schweifen kurz ab, weil ich beim Thema LEGO noch dringend Christoph Niemann erwähnen muss, der aus den beliebten Plastikklötzchen inspirierend minimalistische Gedankengerüste baut, nämlich hier.

Und über Brasilien geht’s zurück nach München, wo wir einen Blick auf die Arbeit von Graffitigröße Claudio Ethos werfen, der für die Stroke.02 eingeflogen wurde:

via stroke.02

Zum Schluss noch zwei Bonbons: Wie im letzten Jahr waren auch diesmal die Künstler vom Castle Magazine vor Ort, mehr dazu gibt’s hier.

Und wie geht es für die weltweit erste Messe für Urban Art weiter? Die Stroke.03 verlässt München und findet vom 7. – 10. Oktober 2010 in Berlin statt. In diesem Sinne:

Orgasm Fight Club

gesehen bei luis de dios

BarRectum von Atelier van Lieshout

Wie anal darf Kunst eigentlich sein? Das niederländische Künstlerkollektiv Atelier van Lieshout bewegt sich an der Bruchlinie zwischen Ästhetik und Nützlichkeit.

J.AUST_BarRectum_01 Bis zum 2. Mai kann man die organischen Skulpuren der Künstler auf dem Außengelände des MUMOK in Wien begehen. Nebst der obigen BarRectum (2005), kann man sich dort auch in einen großzügig dimensionierten Damentorso namens Bikinibar (2006) und Darwin (2008), ein dunkelblaues Spermium, hineinfühlen. Hier eine kleine Einführung:

BarRectum, Arsch Bar, Asshole Bar, Bar Anus. While the translations sound different, the form is universally recognizable. The bar takes its shape from the human digestive system: starting with the tongue, continuing to the stomach, moving through the small and the large intestines and exiting through the anus. While BarRectum is anatomically correct, the last part of the large intestine has been inflated to a humongous size to hold as many drinking customers at the bar as possible. The anus itself is part of a large door that doubles as an emergency exit.

via ateliervanlieshout.com


Also, wer die Kombination aus Alkohol und Anus anregend findet, weiß wohin er gehen muss! Zum Rahmenprogramm gehört außerdem
die Installation

„Anal Reactions 2.0.: Man vs. Woman“ von Jana Herwig a.k.a. digiom, BIKUM/quartier21:

YouTube Preview Image

Die Installation bewegt sich im Windschatten eines Internetphänomens: Ein unaussprechlicher Trailer gerät in die Social Web-Zirkulation und taucht invisibilisiert in Formvon Reaktionsvideos und somatischen Experimentalsituationen wieder auf, in die Freundinnen ihre Freundinnen, Freunde ihre Freunde versetzen und immer live mitfilmen.

via MUMOk

50 Jahre Malerei von Ed Ruscha

Im Kunsthappen wird der überladene Kunstmarkt semi-säuberlich durchwühlt und Schmackhaftes sinngerecht portioniert. Also Mund zu und Augen auf!

Vitamin C für ästhetische Geschmacksknospen: In einer umfangreichen Retrospektive präsentiert das Haus der Kunst vom 12. Februar bis zum 02. Mai 2010 visuelle Delikatessen von Ed Ruscha.

Wenn Ed Ruscha (geb. 1937) seine Bildsprache erklärt, fühlt man sich in die eigene Kindheit zurückversetzt. Buchstaben und Wörter vor dem Hintergrund einer Panoramalandschaft erinnern an lange Autofahrten, auf denen sich Orte mit Wortfetzen von Plakaten mischen und eine ganz eigene, spontane Wirkung entfalten.

Ed Ruscha,OOF (1962-1963) Photograph: Courtesy of the artist, the Hayward Gallery and the Museum of Modern Art, New York
Ed Ruscha, OOF (1962-1963), Photograph: Courtesy of the artist, the Hayward Gallery and the Museum of Modern Art, New York,© Ed Ruscha, 2010, Foto: Paul Ruscha

Hier gib’t einen kleinen Hörbrocken zum Bild.

Wo scheinbare Oberflächlichkeit so plakativ unterwandert, mit kruder Leichtigkeit aus dem Kontext gerissen wird, entsteht Lärm, den zu sehen es sich lohnt.

The visual noise of words crammed into commercial magazines and newspapers cried out to have art made of it. I just obliged. Ed Ruscha

Den Nährboden für die nüchterne Highwayromantik, die in vielen seiner Werke nachhallt, bildeten zahlreiche Roadtrips und Trampingtouren queer durch die Staaten. Einige führten von Oklahoma nach Los Angeles. Andere nach Mexico City und über die Route 66 der 50er und 60er Jahre. Vor seiner Künstlerkarriere war Ed Ruscha Comic- und Werbezeichner.  Doch abseits von Pop-Art, strahlen viele seiner Bilder dunkle, fast prophetische Mystik aus. Wieder andere sprühen vor bissigem Humor. Innerhalb der fünf Jahrzehnte seines Schaffens experimentierte Ruscha auch mit organischer Materie, nutzte u.a. Eidotter, Blut, Moiré und Schellack auf Satin.
Und manchmal, so der Künstler auf einem Vortrag in München, enstünden Bilder auch einfach nur aus dem Wunsch heraus, irgendwann einen Buchrücken damit zu schmücken, so wie dieses hier:

Ed Ruscha,An Exhibition of Gasoline Powered Engines, 1993
Ed Ruscha, An Exhibition of Gasoline Powered Engines, 1993,© Ed Ruscha, Foto: Paul Ruscha

Die Werkschau zeigt auch Ruschas Silhouettenbilder, durch die er Mitter der 80er Jahre seine kreative Bandbreite erweiterte und Arbeiten aus seinem “Course of Empire”- Zyklus, die erstmals 2005 auf der 51. Biennale von Venedig zu sehen waren.

Wer webstöbern will, klicke bitte hier, Hörenswertes auf die Ohren stellt Bayern2 zur Verfügung.

Akute Lust, dem Echo des Meisters offline nachzugehen?

Haus der Kunst,
Prinzregentenstr. 1,
80538 München

Öffnungszeiten:

Montag bis Sonntag 10-20 Uhr
Donnerstag 10-22 Uhr
Eintritt 10/ erm. 7 €

Thomas Schütte im Haus der Kunst

Hier wird der  Kunstmarkt semisäuberlich durchwühlt, einige beachtenswerte Prachstücke werden aufgegriffen und sinngerecht portioniert. Also Mund zu, Augen auf:

Ein bisschen Ironie gefällig? Ab dem 6. Juni trifft Kulturkritik auf Marshmallow- Man, wenn im Haus der Kunst Thomas Schütte seine Geister dem Fußvolk zugänglich macht. Vorabinfo rund um die retrospektive Ausstellung, die es bis zum 6. September zu erkunden gilt- exclusiv aus meiner Tastatur.

Von eher kleineren, skizzenhaften Aquarellen, bis hin zum überdimensional titanischen Mann im Matsch zeigt sich Schütte (*1954) überaus facettenreich.

Mann im Matsch
Thomas Schütte: "Mann im Matsch", 2009; 580 x 800 x 800 cm (Foto: Florian Holzherr; © Thomas Schütte / VG Bild-Kunst, Bonn 2009)

Die 5,80 Meter hohe Figur aus Styropor und Gips zeigt das Sujet des  Suchenden mit einer Wünschelrute. Politisch aufgeladen sind seine Innocenti, mit denen er sich auf eine Reihe von Korruptionsaffären italienischer Staatsmänner bezieht.

Klare Zeichen für unklare Sachverhalte zu finden, lautet das Credo des Düsseldorfers, der sich nach einem massivem Burn- Out wieder auf den Kunstmarkt traut. In seinen Deprinotes (Aquarelle 2006-2008)  hat er alles verarbeitet, die Therapieergebnisse werden natürlich auch ausgestellt.

Stahlfrau Nr. 17
Thomas Schütte: "Stahlfrau Nr. 17", 2006; 202 x 125 x 250 cm (Foto: © Nic Tenwiggenhorn / VG Bild-Kunst, Bonn 2009; © Thomas Schütte / VG Bild-Kunst, Bonn 2009)
Thomas Schütte: Aus der Serie "One Man Houses", 2003/05; ca. 250 x 130 x 150 cm (Foto: Courtesy Marian Goodman Gallery; © Thomas Schütte / VG Bild-Kunst, Bonn 2009)

Neben Skulpturen und Keramik, laden architektonische Modellhäuschen zum Voyeurismus ein, hier zu sehen One-Man Houses, die gesellschaftliche Individualisierung und tendenzielle Vereinzelung veranschaulichen.

Den schwarzen Humor kann man in seiner Serie Ferienhaus für Terroristen erahnen. Eher harmlos sind dagegen diese postmodernen Puppenhäuser im futuristischen Ökostil:

One Man Houses
Thomas Schütte: Aus der Serie "One Man Houses", 2003/05; ca. 250 x 130 x 150 cm (Foto: Courtesy Marian Goodman Gallery; © Thomas Schütte / VG Bild-Kunst, Bonn 2009)

Programmatisch wird das Thema Vereinsamung in der Serie Melonely verarbeitet, der Hunger nach Bildern und Ausbruch aus dem akademisierten Kozeptualismus soll in dieser 11- teiligen Installation ausgedrückt werden.

Melonely
Thomas Schütte: "Melone 1:5", 1986 (© Thomas Schütte / VG Bild-Kunst, Bonn 2009)
Melonely
Thomas Schütte: "Melonely", 1986 (Foto: Tomasz Samek; © Thomas Schütte / VG Bild-Kunst, Bonn 2009)

Bereits im ersten Ausstellungsraum wird zur aktiven Kunstrezeption geladen: Zum 360° Rundumgang reizen diese klumpigen Gesellen, deren ungerichtete Gestik auf einen kommunikativen Mehrwert zu weisen scheint.

Große Geister
Thomas Schütte: "Großer Geist No. 4 and No. 5", 1997; Großer Geist No. 14, 1999; 246 x 187 x 112 cm; 238 x 200 x 131 cm; 250 x 100 x 110 cm (De Pont museum of contemporary art Tilburg, Niederlande. Foto: Florian Holzherr; © Thomas Schütte / VG Bild-Kunst, Bonn 2009)

Aber wer erwartungsfroh einer möglichen avantgardistischen Bewegung entgegenschlendern will, mag enttäuscht werden. Denn, der Künstler selbst drängt nicht nach vorne, sondern bewegt sich mehr in den urtümlichen Kunstbereichen, und streckt sich nicht in neuere, progressive Bereiche. So rückt Akt, Skulptur und Aquarell hier in den Vordergrund.

Dass diese Art von Ursprünglichkeit wieder im Kommen ist, sieht man auch bei Hype-Künstlern, wie Damien Hirst, der kürzlich wieder den Einstieg in die verwegenen Winkel der traditionellen Vanitas Stilleben gefunden hat.

Thomas Schütte bezeichnet sich als Seismograph, der alle Ereignisse mitzittert. Diese zahlreichen Zitterpartien variieren in Größe, Form und Materie, und entfalten ihre ganz eigene subjektive Wirkung. Zwar schwingt, bedingt durch die ironische Herangehensweise des Künstlers, immer eine Portion Distanz in die Kunstrezeption mit hinein, aber erschüttern lassen lohnt sich!