Kategorie: Gastblogger

Schuld und Sühne

Über Matthias Glasners Familiendrama Gnade
Berlinale 2012 – Wettbewerb

Gnade ©Alamode Film_ Foto: Jakub Bejnarowicz 004

Wenn in den nördlichsten Teilen Europas im Winter die Sonne nicht aufgeht und im Sommer nicht untergeht – Winter und Sommer quasi zu einem einzigen Tag und einer einzigen Nacht werden, verlieren die Bezeichnungen ‚Tag‘ und ‚Nacht‘ ihren Wert als Unterscheidungskategorien – sie werden zur Grauzone, zum Zwielicht, zu dem, was dazwischen liegt, weder schwarz, noch weiß ist.

In diese Atmosphäre der Unbestimmtheit inszeniert Matthias Glasner sein Familiendrama Gnade. In dem Film geht es um einen nicht wieder gut zu machenden Fehler und den Umgang mit der Schuld.

Ein junges Ehepaar mit Sohn zieht aus Deutschland in das norwegische Hammerfest. Niels (Jürgen Vogel), Ingenieur in einer Ölraffinerie, wird dorthin versetzt und die Familie beschließt, ihm zu folgen. In der  winterlichen Polarnacht wagt die Familie einen Neuanfang: ‚Wir brauchen eine zweite Chance‘, sagt Marie (Birgit Minichmayr) zu ihrer Freundin, bevor sie geht. Das Paar hat sich offensichtlich nicht mehr viel zu sagen. Niels, der öfter außerhalb arbeitet, hält es wie ein Leichtmatrose: In jedem Hafen wartet eine Braut. Marie hat in Norwegen einen Job im Hospiz gefunden und bemüht sich im örtlichen Chor um Anschluss. Ihr Mann sucht diesen auf seine Art und findet ihn im Bett einer Kollegin.
Eines Nachts, als Marie mit dem Auto auf dem Heimweg von ihrer Schicht im Hospiz ist, fährt sie im Dunklen, durch das überwältigende Naturschauspiel des Polarlichts abgelenkt,  versehentlich etwas oder jemanden an. Geschockt, begeht sie Fahrerflucht, in der Hoffnung, es habe sich bei dem Angefahrenen lediglich um einen herumstreunenden Hund gehandelt. Als Niels noch in der selben Nacht die Strecke abfährt, kann er nichts entdecken. Es scheint nichts weiter passiert zu sein. Aber was wäre wenn?

Das Gefühl, dass sich in dieser Nacht etwas Furchtbares ereignet hat, bleibt. Es wird verstärkt durch den Film-im-Film: Ein heimliches iPhone-Filmprojekt von Markus, dem jugendlichen Sohn der Beiden, der in feinster ‚American-Beauty‘-Manier sein Familienleben dokumentiert.

Als sich herausstellt, dass Marie in der Nacht ein Mädchen aus dem Ort angefahren hat, welches noch am Unfallort seinen Verletzungen erlag, ziehen Schuld und schlechtes Gewissen in das kleine Heim der Familie ein. Marie weiht ihren Mann ein und macht aus ihrem Fehltritt  einen gemeinsamen, eine Familiensache: ‚Ich bin nicht dieser Mensch.‘, sagt sie.
Sie beschließen  zu schweigen und mit dem Makel zu leben. Wenn es sein muss, für immer.

Was dann folgt, ist der Versuch Normalität zu leben – mit der Schuld und ihrer ständigen Aktualisierung durch die unausweichlichen Zusammenkünfte mit den Eltern des verstorbenen Mädchens im Chor, am Unfallort und in der Stadt. Die Zeit vergeht, langsam wird es Frühling, das Eis schmilzt und die Tage werden deutlich länger. Und so, wie der Schnee vor dem Haus langsam dem spärlichen Grün weicht, nähern sich Niels und Marie einander wieder an. Es scheint, ihr Geheimnis habe die Leidenschaft zwischen ihnen neu entfacht. Als Niels seiner Frau die mehrmaligen Seitensprünge gesteht, nimmt sie dies achselzuckend hin: ‚Ich bin ein guter Mensch, ich arbeite im Hospiz, ich helfe Menschen, würdig zu sterben. Ich bin eine gute Ehefrau.‘

Glasner verknüpft die Lage der Eltern lehrstückhaft mit einer Situation, die der Sohn durchlebt: Um mit dem Draufgänger der Klasse befreundet zu sein, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er Zugang zu Schusswaffen und der neuesten Playstation hat, spuckt er in die Schultasche eines unbeliebten Mitschülers. Als dieser daraufhin die Klasse wechselt und der Lehrer nach den Tätern fragt, meldet Markus sich zunächst nicht, beschließt jedoch hinterher, sich bei seinem Mitschüler persönlich zu entschuldigen.

In dem Film geht es um einen Fehler, einen Moment der Unaufmerksamkeit, der zwei Familien zerstört und gleichzeitig näher zusammen bringt. Matthias Glasner zeigt auf, wie letztendlich jeder auf sein eigenes Glück bedacht ist und wie zerbrechlich dieses ist. Schlussendlich entlarvt er den Menschen als Egoisten, als soziales Wesen zwar, aber als ein auf das eigene Mikrogefüge Familie fixiertes. Die Frage der Schuld, dem Richtigen und dem Falschen wird hier auf mehrere Arten wiederholt gestellt. Was bringt es den Eltern des toten Mädchens, wenn Marie und Niels sich stellen? Die Tochter macht dies nicht mehr lebendig, allein die Information kann nichts reparieren, nichts ändern an dem unwiederbringlichen Verlust. Eigentlich ist das Wissen auch nicht relevant, außer zur persönlichen Entlastung der Täterin und ihres Mitwissers. Zur Entlastung ihres schlechten Gewissens.

Obwohl Glasner eigentlich alles richtig gemacht zu haben scheint, fehlt dem Film etwas Essentielles: Die düstere Stimmung und das Unbehagen mag einfach trotz überwältigender Naturaufnahmen nicht so richtig aufkommen. Die Schauspieler sind gut gewählt: Birgit Minichmayr ist bekannt für ihre Wandelbarkeit und ihr lebendiges Spiel, Jürgen Vogel ist ein Talent in der Verkörperung paradoxer Figuren und brillierte bereits in Glasners Der freie Wille. Leider scheinen die beiden vielleicht ein wenig zu jung, ein wenig zu hip, um wirklich glaubwürdig ein Mittdreißiger-Elternpaar mit Eheproblemen und pubertierendem Sohn darzustellen.
Nordnorwegen mit seinen Polarnächten ist eigentlich der perfekte Ort um eine solche Geschichte zu inszenieren. Nirgendwo sonst lässt sich metaphorisch so eindeutig die Grauzone darstellen, zwischen dem, was moralisch richtig oder moralisch verwerflich ist.
Auch die parabelhaften Szenen mit dem Jungen sind zu plakativ und passen nicht zur scheinbar intendierten Subtilität der Geschichte: Diese will ohne allzu laute Töne zurecht kommen und Tiefgründigkeit dort entstehen lassen, wo sie fehlplatziert ist: Denn, was genau will der Junge eigentlich mit seinem iPhone? Warum muss dieses immer wieder so explizit in Szene gesetzt werden?

Vielleicht liegt es aber auch einfach an dem Schnee, der die Höhen und Tiefen heraus zu nehmen scheint und alles ein wenig taub erscheinen lässt.

GNADE Norwegen/Deutschland 2012, 132 min.
R: Mathias Glasner, B: Kim Fupz Aakeson, K: Jakub Bejnarowicz, S: Heike Gnieda
D: Birgit Minichmayr, Jürgen Vogel, Henry Stange, Ane Dahl Torp
Verleih: Alamode Filmverleih
Kinostart: 18. Oktober 2012

Kritik von Tatiana Braun

Schafe zählen

Die 62. Internationalen Filmfestspiele von Berlin sind auf ihrem Höhepunkt angelangt. Abseits des Wettbewerbs lohnt es sich, auch in den Nebensektionen nach filmischen Schmuckstücken zu suchen. Gastbloggerin Franziska Hessberger berichtet über den Film Hiver Nomade (2012) aus der Sektion Forum.

Hiver Nomade
Hiver Nomade

Panoramablick auf eine schneebedeckte Wiese im Morgengrauen: 800 Schafe stehen dichtgedrängt aneinander. Neben ihnen bewegt sich eine große Felldecke. Darunter liegen Pascal und Carole, die Hirten. Der Dokumentarfilm Hiver Nomade von Manuel von Stürler dokumentiert Freiheit und Leidenschaft auf eine ganz besondere Art: Schlafen, Kochen, Leben unter freiem Himmel, bei jedem Wetter zu Fuß unterwegs sein, die Tiere so gut kennen, dass jedes Geräusch, jede Bewegung vertraut ist.

Ein vergessener Beruf

Die Qualität des Grases bestimmt ihren Weg. Mit den Hirten und den Schafen wandert der Zuschauer durch die verschneite Schweiz. Es ist ein Weg der Gegensätze: Ruhepausen in der Mittagssonne, sternenklare Nächte und prasselnde Feuer. Aber auch Dauerregen, extrem harte Arbeit, keine Privatsphäre. Die idyllische Natur ist immer wieder durchzogen von Schnellstraßen und Neubausiedlungen. Freunde der Schäfer, die sie beherbergen, wechseln sich ab mit wütenden Bauern, die den Hirten den Weg versperren, und Passanten, die verträumt die Schafe betrachten.

Neben den Mahlzeiten am Feuer wird der Besuch im Supermarkt zur absurden Situation. Ebenso wie die Geschäftsinteressen des Züchters neben der Hingabe der Schäfer zu ihrer Arbeit. Das bindende Element zwischen diesen Gegensätzen ist die Situationskomik. Die Momente, in denen die Tiere menschliche Züge zeigen.

Die Bilder erzählen die Geschichte

Stilistisch ist Hiver Nomade sehr klar und stringent mit langen Einstellungen und großen Panorama-Bildern. Es fällt auf, das von Stürler Berufsmusiker ist, denn der Ton spielt in dem eher leisen Film eine besondere Rolle. Das Knacken der Hölzer, fallende Regentropfen, das Schnauben der Tiere, all das lenkt die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf Details. Während die sparsam eingesetzte Musik unter den Landschaftsaufnahmen dem Film eine schwebende Atmosphäre verleiht.

Die Kamera ist immer dabei, aber mischt sich nie ein. Es gibt keine Interviews, keinen Kommentar. Alles, was wir erfahren, erfahren wir aus den Gesprächen der beiden Schäfer. Belangloses, Diskussionen und Schweigen beschreiben die Beziehung zwischen dem alten Hirten und der jungen Frau, die sich erst seit Kurzen zu diesem Leben berufen fühlt. Diese interessante Beziehung wird allerdings zu wenig beleuchtet, und viele Fragen über die Beweggründe der beiden Protagonisten bleiben offen.

Hiver Nomade ist ein Film, der die Sehnsucht nährt, auszusteigen, auch wenn ein solcher Ausstieg kaum noch zu verwirklichen ist.

Dieser Artikel stammt von Franziska Hessberger und wurde erstmals auf critic.de veröffentlicht.