Kategorie: Festivalbericht

Reise ins Nirgendwo

Das Fantasy Filmfest ist erneut auf Tour und hat Quentin Dupieux (beinahe) neusten Streich “Wrong” mit im Gepäck.

Dolph Springer (Jack Plotnick) ist im wahrsten Sinne ein Verlierer. Vor ein paar Monaten hat er seinen Job verloren – was ihn nicht davon abhält, dennoch jeden Tag im Büro aufzukreuzen, wo es bizarrer Weise ununterbrochen regnet. Nun ist auch noch sein geliebter Hund, Paul, verschwunden und die Suche nach ihm gestaltet sich äußerst schwierig.

wrong Trailer

Wie der Titel impliziert, läuft in “Wrong” einiges schief. Der Regisseur und Drehbuchautor Quentin Dupieux stand für den Film auch hinter der Kamera, machte den Schnitt und sorgte für den Soundtrack. “Wrong” ist nach “Nonfilm” (2002), “Steak” (2007) und “Rubber” (2010) der vierte Spielfilm des Franzosen, der Ende der neunziger Jahre als “Mr. Oizo” mit elektronischer Tanzmusik bekannt wurde.

Spielte im Vorgänger “Rubber” – der auf den 63. Filmfestspielen von Cannes seine Premiere feierte und seitdem als Kultfilm gilt – noch ein aggressiver, mordlustiger Autoreifen die Hauptrolle, so ist  “Wrong” wieder mit einem menschlichen Protagonisten besetzt. Dolph, ein liebenswerter Enddreißiger mit zerzauster Mähne, verliert nach dem tragischen Verlust seines Hundes auch zunehmend den Halt im Leben. Außerdem scheint er ausschließlich von inkompetenten Menschen umgeben zu sein: Sein französischer Gärtner, Victor (Eric Judor), werkelt scheinbar täglich und grundlos in Dolphs Garten, bis aus einer Palme über Nacht eine Tanne wird.

Ebenfalls eigenartig ist Dolphs Nachbar, der allergisch darauf reagiert, wenn man ihn auf sein tägliches Joggen aufmerksam macht, zwei Koffer packt und auf eine Reise ins Nirgendwo fährt. Außerdem tritt nach einem kurzen Telefonat Emma (Alexis Dziena) in Dolphs Leben – sie ist Angestellte beim Pizzaservice und verlässt ihren Ehemann für Dolph bzw. seinen Gärtner, mit dem sie ihn absurder Weise verwechselt. Zudem kommt heraus, dass Paul nicht einfach verschwunden ist, sondern gezielt von einer Organisation für präventiven Tiermissbrauch entführt wurde. Master Cheng (William Fichtner), ein offensichtlich nicht-asiatischer Guru und Autor von “My Life, My Dog, My Strength”, ist der Kopf der Organisation.

Sein Anliegen ist es, die Wertschätzung von Haustieren zu erhöhen, indem sie erst gekidnappt und später wieder mit ihren Besitzern zusammengeführt werden. Im Fall von Dolph läuft natürlich etwas schief und der Hund muss von einem Tierdetektiv gesucht werden, der nicht an einem Foto von Paul interessiert ist, dafür umso mehr ein seinem letzten Häufchen, um daraus einen Erinnerungsfilm zu extrahieren.

Um die eigentlich banale Story um einen einsamen Mann, dessen Hund verschwunden ist, auf Spielfilmlänge zu dehnen, scheint es, als habe der Regisseur auf seinen Fundus an semi-skurrilen Filmideen zurückgegriffen und auf verschroben-stupide Charaktere gesetzt. Ähnlich wie der Vorgänger “Rubber” hätte auch “Wrong” als Kurzfilm besser funktioniert. Mit Banalitäten dekoriert und mit Teenager-Humor angereichert, erfüllt er nicht die Erwartungen, die man Dupieux entgegenbringen kann.

Was zu einem absurden existenziellen Trip hätte werden können, wird gegen ein paar flache, visuell ansprechende Episoden schrägen Humors ohne tieferen Zusammenhang verspielt. Man kann nun den Hut ziehen und von einer Rebellion gegen konventionalisierte Erzählschemata reden, oder einfach hoffen, dass es dem Regisseur beim nächsten Film gelingen möge, seinen durchaus erheiternden Hang zum Bizarren mit ein wenig mehr Tiefgang und Esprit zu verfeinern.

Wrong (2012)
Produktionsland: Frankreich;
Regie/Drehbuch/Kamera/Schnitt: Quentin Dupieux,
Darsteller: Jack Plotnick, Eric Judor, Alexis Dziena, William Fichtner;
Musik: Tahiti Boy& Mr.Oizo;
Dauer: 94 Minuten

Dieser Text ist auch auf berliner-filmfestivals erschienen.

MAMMAS – Isabella Rossellinis Kurzfilmreihe

Parrallel zur Premiere auf der 63. Berlinale zeigt arte+7 Isabella Rossellinis knackige Kurzfilmreihe MAMMAS.MAMMAS Nach dem großen Erfolg ihrer tierischen Fortpflanzungsfilmchen Green Porno, widmet sich die jüngst mit der Berlinale Kamera ausgezeichnete Rossellini dem Thema Mutterschaft. In einer Episode erkundet sie mit gewohnter Selbstironie den Kannibalismus bei der Spinne “Diaea ergandros”, die sich für ihre Kinder aufopfert und zu Brei wird. Voilà der Trailer:

MAMMAS via arte+7

Wie mütterlich Buntbarsch, Hamster oder Surinam-Kröte sind, erfährt man hier.

Mit Duchamp in der Sauna

Carlos Reygadas neuster Film POST TENEBRAS LUX (2012) bespielte im Rahmen des 7. Around the World in 14 Films das Berliner Babylon. Der mexikanische Regisseur, der für seine mystischen Filme bekannt ist, wurde auf dem Festival de Cannes 2012 mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet und erntete nicht nur Applaus: Viele Journalisten und Filmschaffende waren von der Entscheidung der Jury überrascht. Denn der Film entzieht sich den gewohnten Codes und will nicht um jeden Preis gefallen.

Carlos Reygadas, POST TENEBRAS LUX © No Dream Cinema

Während Reygadas mit dem visuell beeindruckenden Drama STELLET LICHT (2007), das von einer mennonitischen Enklave im Norden Mexikos handelt, noch geschlossene narrative Strukturen bediente, bewegt er sich mit POST TENEBRAS LUX hin zu einer Art intuitivem Auteur-Kino: Vergangenheit, Fiktion und mögliche Zukunft bilden eine merkwürdige Einheit, die viele Leerstellen lässt. So ist es jedem selbst überlassen, sich in Reygadas’ autobiografisch angelegtem Film zu orientieren. Doch auf das lose, nicht-lineare Filmerlebnis muss man sich auch einlassen wollen.

Episodisch beobachtet der Regisseur in POST TENEBRAS LUX die Vielfalt der mexikanischen Gesellschaft, während er zugleich am Mikrokosmos einer wohlhabenden Familie haften bleibt. Diese lebt – wie der Regisseur selbst – auf dem mexikanischen Land. Auch die eigenen Kinder hat Reygadas den Filmeltern Juan (Adolfo Jimenez Castro) und Natalia (Nathalia Acevedo) an die Hand gegeben.

via mantarraya films

Wie also kann man einen Film beschreiben, der sich einer gewöhnlichen Zusammenfassung entzieht? Vielleicht, indem man einige Szenen näher beleuchtet und versucht, die filmische Stimmung spürbar werden zu lassen. Die komplette Kritik zum Film gibt es auf fragmentfilm.de

Auf den Spuren von Lola

Mathieu Demy arbeitet sich in seinem ersten Spielfilm AMERICANO (2011), bei dem er Drehbuch, Produktion, Regie und die männliche Hauptrolle übernommen hat, am amerikanischen Film Noir ab.Americano

Dass er der Sohn von Regielegenden Jacques Demy und Agnès Varda ist, versucht er nicht zu verheimlichen. Im Gegenteil, das Prinzip Sohn macht seinen Film erst sehenswert.

Trailer

Martin (Mathieu Demy) lebt mit seiner Freundin Claire (Chiara Mastroianni) in Paris. Sie malt sich eine gemeinsame Zukunft mit Kindern aus, er blickt auf die Beziehung, wie auf einen Haufen Scherben. Ein Anruf reißt ihn aus einer lediglich angedeuteten Routine: Seine Mutter ist tot. Er fliegt nach Los Angeles, um ihren Nachlass zu verwalten. Die Eltern trennten sich, als er im Grundschulalter war. Er zog zu seinem Vater nach Paris, zu seiner Mutter hatte er lange keinen Kontakt. Nur bruchstückhaft kann er sich an die Kindheit erinnern, die er zum Teil in den USA verbracht hat. Nach der Ankunft – er wird von einer penetranten Freundin der Mutter (Geraldine Chaplin) empfangen– beginnt er, das Haus der Verstorbenen zu entrümpeln.

Dabei findet er Briefe, die an eine gewisse Lola, die ehemalige mexikanische Nachbarstochter, adressiert sind: Nicht Martin, sondern Lola soll das Haus in Venice Beach erben, um somit rechtmäßig in den USA bleiben zu können. Was für eine Rolle spielte diese Frau im Leben seiner Mutter? Über Umwege erfährt er, dass sie an die tijuanische Grenze deportiert wurde. Er macht sich mit einem geliehenen Mustang und dem Kopf voll wirrer Gedanken auf den Weg. In einem Nachtclub namens Americano wird er fündig. Doch Lola (Salma Hayek) redet nur gegen Bezahlung. Er verbrät sein gesamtes Geld, Auto samt Pass werden ihm gestohlen. Martin bleibt. Verzweiflung und Wissensdurst nagen an ihm. An diesem fremden Ort setzt er Fragmente seiner Erinnerung zusammen und versucht, sich von seiner emotionalen Starre zu befreien.

Mathieu Demy schneidet politische und psychologische Konflikte an. Er lässt ein bisschen Rotlicht flackern, bedient das Genre mit einem netten Twist und unsere Ohren mit guter Musik (Moderat). Trotz der hochinteressanten Mutter-Sohn- Problematik, bleibt die Figur des Martin jedoch gesichtslos– mit ihm zu leiden fällt schwer. Und Salma Hayek gleicht in ihrer Rolle der Femme fatale einer entzauberten Version jener Lola, wie sie von Anouk Aimée in Jacques Demys gleichnamigem Film von 1961 verkörpert wurde.

Interessant ist dafür der Griff ins Archiv. Martins Kindheitserinnerungen inszenierte der Regisseur mit Material, das aus Vardas Dokumentarfilm DOCUMENTEUR (Menschengesichter) von 1981 stammt und dem Film eine weitere Ebene verleiht: Der Sohn, der sich mit der Mutter auseinandersetzen muss, trifft auf den Regiedebütanten, der filmisch einer Ikone des französischen Auteurfilms gegenübertritt. Und nicht zuletzt sind auch Geraldine und Chiara Töchter bedeutender Cinéasten.

AMERICANO lebt vom Pastiche. Wer die Anspielungen erkennt, könnte seine Freude haben– für sich alleine steht der Film eher auf wackeligen Beinen. Bleibt zu hoffen, dass Mathieu Demy in seiner nächsten Regiearbeit auch Figuren und Handlung um ein paar Schichten erweitert und aus dem Schatten seiner Referenzen heraustritt.

In der Reihe CineVision feierte Americano auf dem diesjährigen FIlmfest München seine Deutschlandpremiere, der Kinostart ist noch unbekannt.

Americano

Land: Frankreich; Jahr: 2011; Dauer: 90 Min.; Regie/Drehbuch: Mathieu Demy; Kamera: George Lechaptois; Schnitt: Jean-Baptiste Morin; Musik: George Delerue, Grégoire Hetzel; Darsteller: Mathieu Demy, Salma Hayek, Geraldine Chaplin, Chiara Mastroianni, Carlos Bardem

Produzent: Mathieu Demy

Produktionsfirma: Les Films de l’Autre

Weltvertrieb: Bac Films

Filmfest München 2012

Filmfest München 2012Vom 29. Juni bis zum 7. Juli werden die Münchner Isarmeilen zum leuchten gebracht. Das 30Filmfest München lässt ab heute insgesamt über 186 Filme über ausgewählte Festivalleinwände flimmern. Den Auftakt macht in diesem Jahr Ken Scott mit seiner zweiten Regiearbeit STARBUCK. Die Komödie handelt von einem Mann, der mit seiner Vergangenheit als Samenspender konfrontiert wird. Hier ist der Trailer:

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Gespannt sind wir jedenfalls auf WUTHERING HEIGHTS, dem neuen Film von Cannes-Jurorin und Fishtank-Regiesseurin Andrea Arnold, die sich hier an eine Adaption des Klassikers von Emily Brontë gewagt hat. Von der Literatur zum Film geht es auch beim französischen Schriftsteller Frédéric Beigbeder, der sich nun unter die Regisseure mischt und mit seinem ersten Film L’AMOUR DURE TROIS ANS (Das verflixte dritte Jahr) nach dem gleichnamigen Buch an der Isar vertreten sein wird. Besonders gefreut habe ich mich über die bereits in Cannes gesehen Filme BEASTS OF THE SOUTHERN WILD von Benh Zeitlin und HOLY MOTORS von Leos Carax. Auch Jacques Audiards Sozialdrama DE ROUILLE ET D’OS (Rust and Bone) gehörte zu den Gesprächsthemen an der Croisettte. Der Film lebt von der visuellen Präsens seiner Schauspieler (Marion Cotillard und Mathias Schoenaerts) und kann – trotz dramaturgischer Schwächen – durchaus für retinales Wohlgefallen sorgen. Nicht behaupten kann man das von Laurent Bouzereaus dokumentarischem Porträt ROMAN POLANKSI– A FILM MEMOIR, welches sich als zu lang geratener, dröger Imagefilm für den gebrandmarkten Filmemacher Polanski erweist. Vorfreude wecken hingegen Filme wie Sylvain Estibals Tragikomödie LE COCHON DE GAZA (Das Schwein von Gaza), Sergey Lobans skurrile, russische Filmnovellenkompilation CHAPITEAU-SHOW oder Jake Schreiers schräge Komödie ROBOT AND FRANK.

Auch Namen wie Michael Winterbottom, Fernando Meirelles oder Fancis Ford Coppola sind vertreten. Abzuwarten ist, ob Coppola sich – nach dem eher mauen Festivalbeitrag TETRO von 2010 – mit dem Vampirfilm TWIXT rehabilitieren kann. Sieht momentan eher nach halbgegartem Trash à la DRACULA 3D von Dario Argento aus.

Die neue Direktorin Diana Iljine hat das Programm einer Diät unterzogen und einige Reihen umgegliedert. Spotlight, CineVision und CineMasters lassen sich auf den ersten Blick nicht wirklich klar voneinander unterscheiden. Begrüßenswert ist jedoch, dass statt den einzelnen Ländern (ehemals Visones Latinas oder Nouveau Cinéma Français) nun die Reihe International Independents unabhängiges Kino aus aller Welt zeigt. Das (junge) Deutsche Kino wird dafür intensiver beleuchtet. Feststellen lässt sich außerdem, dass in diesem Jahr überaus viele Persönlichkeiten (Melanie Griffith, July Delpy, Loriot, Todd Haynes, Nicolas Winding Refn und quasi obligatorisch Rainer Werner Fassbinder) mit einer Hommage beehrt werden.

Bei einem Personalwechsel lassen sich Ungereimtheiten oft nicht vermeiden. Weshalb ist July Delpy sowohl im Spotlight als auch in der Hommage vertreten? Vielleicht werden wir nach dem Festival schlauer sein. Nicht geändert hat sich die Möglichkeit, an Podiumsgesprächen mit Filmemachern beim Filmmakers Live in der Black Box teilzunehmen.

Mehr Informationen zu den einzelnen Filmen und Reihen gibt es hier.

Cannes 2012: Holy Motors von Leos Carax

Wenn sich ein Film eine eigene Welt aufbaut und den Zuschauer ganz und gar überwältigt, dann spricht sich das rum. HOLY MOTORS von Leos Carax gehörte mit Sicherheit zu den Filmtiteln, die man am häufigsten aus Journalistenmündern hörte.Holy Motors, Foto: Cannes Film Festival/EPA

Carax zog sich vom Filmemachen zurück, um uns eine umso heftigere Bombe vor die Augen zu werfen. Der einstige Kritiker der Cahiers du Cinéma wurde in seiner cineastischen Anfangsphase durch Filme wie BOY MEETS GIRL (1984) oder MAUVAIS SANG (1986) ins Unermessliche gelobt und dann nach LES AMANT DU POINT-NEUF (1991) von Kritikern und Kinogängern fallen gelassen. Ein erneuter Aufstieg gelang ihm auch mit Pola X (1999) nicht. Seit dem drehte er ein paar Kurzfilme, unter anderem das fantastische Segment MERDE des Episodenfilms TOKYO! (2008), bei dem Michel Gondry und Jooh-ho Bong ebenfalls mitwirkten. Immer dabei und alter Ego von Carax ist der großartige Schauspieler Denis Lavant. Carax’ neuer Film HOLY MOTORS ist ein Genuss für alle, die vom Kino wachgerüttelt, entführt und überwältigt werden wollen:

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Wir erleben einen Tag im Arbeitsleben von Monsieur Oscar (Denis Lavant). Er wird von der Familie verabschiedet, verlässt sein Haus, steigt in eine weiße Limousine und bekommt einen Auftrag. Er frisiert eine graue Langhaarperücke und die erste Transformation von vielen beginnt: Aus Monsieur Oscar wird eine grauhaarige, bekopftuchte Bucklige, die an einer Pariser Brücke um Almosen bettelt. Nach dieser Episode sitzt Monsieur Oscar wieder im Wagen, seine Chauffeurin Céline (Edith Scob) gibt ihm die Mappe mit der nächsten Job-Beschreibung und sieht ihm mit einem Lächeln beim Aussteigen zu: Mittlerweile hat er einen schwarzen mit Detektoren beklebten Ganzkörperanzug an und marschiert in eine Art Fabrikhalle, wo wir ihn in fast absoluter Dunkelheit beim Kampftraining für einen Motion Capture -Clip sehen. Kurz darauf gesellt sich eine blonde, ebenfalls in Body Suit gehüllte Gegenspielerin zu ihm. Gemeinsam vollziehen sie ein Paarungsritual, das auf einem Bildschirm als Computeranimation sichtbar wird.

Monsieur Oscar wird im Laufe des Films in weitere Rollen schlüpfen. Mal trollt er als “Merde” halb Pan halb Gnom über einen Friedhof, stopft sich hastig Blumen in den Mund, hüpft über Grabsteine, auf denen die Webseiten der Verstorbenen eingraviert sind, um kurz darauf ein Model (Eva Mendes) von einem Fotoshooting hinab in die Pariser Kanalisation zu entführen.

Ein anderes Mal wird ihm aufgetragen, einen Mann umzubringen, der zuletzt aussieht, wie er selbst. Seine Performance lässt wohl zu Wünschen übrig, denn ein Auftraggeber (Michel Piccoli) sitzt bald darauf mit ihm in der Limousine und fragt ihn, ob er mit seinem Job zufrieden sei. Was zählt, sei die Schönheit der Geste, antwortet Monsieur Oscar.

Doch wer ist eigentlich Monsieur Oscar? Ist er vielleicht Vater einer jugendlichen Tochter, die er von ihrer ersten Party abholt? Oder ist er vielleicht der ehemalige Liebhaber jener Frau (Kylie Minogue), die ihn in ein verlassenes Kaufhaus führt, um sich kurze Zeit später vom Dach in den Tod zu stürzen? Die Grenze zwischen ihm und seinen Rollen ist flüchtig. Jedenfalls steckt viel vom Filmemacher selbst in dieser mysteriösen Figur.

Leos Carax, der mit gebürtigem Namen Alexandre Oscar Dupont heißt, zeigt ohne zu erklären. Er schickt uns in eine Welt, in der Maschiene, Tier und Mensch im Schatten zunehmender Unsichtbarkeit existieren. Dabei bedient er sich filmischer Referenzen, die sich sowohl aus seinem eigenen als auch aus dem Werk anderer Filmemacher speisen. Die gnomhafte Figur, die Denis Lavant bereits in MERDE verkörpert hat, tobt in HOLY MOTORS wieder durch die Gegend und die zarte Chauffeurin Céline, die am Ende des harten Arbeitstages ihre Limousine in eine Sammelgarage namens Holy Motors fährt, setzt sich zum Abschluss eine Maske auf, wie Edith Scob sie in Georges Franjus Klassiker LES YEUX SANS VISAGE bereits getragen hat. Die Frau auf dem Dach des Kaufhauses sollte erst mit Juliette Binoche statt mir Kylie Minogue besetzt werden und kann als Anmerkung zu LES AMANTS DU POINT- NEUF gelesen werden, ebenso wie eine Sequenz zu Beginn jenes Films, als der junge Alex (Denis Lavant) von einem Bekannten gemahnt wird, er solle sein Leben leben, schließlich habe er nur eines. Nach HOLY MOTORS hat man jedenfalls das Gefühl, man habe mehr als nur einen Film gesehen.

Leos Carax präsentiert uns hier ein bizarres Feuerwerk, das über den rein visuellen Effekt hinausreicht, das bis zum Schluss mysteriös bleibt und dennoch ungemein gehaltvoll ist. Wer diesen Film schlicht als Cinema du look bezeichnen will, tut ihm unrecht.

Und kann man HOLY MOTORS nicht auch als Gegenstück zu CESARE DEVE MORIRE (2012), dem auf der Berlinale 2012 mit dem Goldenen Bären prämierten Film der Taviani Brüder sehen? Dort Gefangene, die durch das Spiel etwas Freiheit erlangen, hier ein Spielender – gefangen in seinen Rollen, in seinen Leben?

Man ahnt es: Dieser Film beschwört die Interpretationsgier, kann aber genauso gut auch einfach als Kino in reinform genossen werden.

Kinostart in Deutschland ist der 30. August 2012.

Cannes 2012: Beasts of the Southern Wild von Benh Zeitlin

Und weiter geht es mit Eindrücken vom Festival und einem Film, der mehr als die Camera d’Or in der Sektion Un Certain Regard verdient hätte.

BEASTS OF THE SOUTHERN WILD, QUVENZHANE WALLIS by Jess PinkhamBenh Zeitlin hat mit seinem Erstling BEASTS OF THE SOUTHERN WILD bereits auf dem Sundance Film Festival 2012 abgeräumt und in der Tat eine feine, kleine Perle erschaffen.

Irgendwo am südlichsten Zipfel von Louisiana lebt die sechsjährige Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) mit ihrem schwerkranken Vater Wink (Dwight Henry) und einem feisten Kreis naturverbundener Outcasts in einem Sumpfgebiet, das The Bathtub genannt wird. Während der Vater mit seinem Alkoholvorrat in einer krummen Hütte hausiert, wohnt Hushpuppy mit allerhand Getier in ihrem eigenen Haus. In Gedanken versunken bereitet sie sich dort an Hundefutter erinnernde Pampe zu, spricht mit ihren Tieren oder stapft in schlammigen Gummistiefeln über die Haufen von Laken und Matratzen, um das rote Kleid ihrer verschollenen Mutter zu suchen. Der ruppige Wink will die kleine Kämpferin für harte Zeiten wappnen und zeigt ihr, wie man Fische mit der Hand fängt, Krebse bei lebendigem Leib zerpflückt oder Shrimps heldenhaft mit Darminhalt verspeist.

Doch die verwunschene Siedlung wird von einem latenten Schatten belauert: Apokalyptische Unwetter drohen das abgeschiedene Nest zu zerstören und Winks Krankheit macht sich immer weiter bemerkbar. Hushpuppy ist überzeugt, dass die Welt um sie herum und das Innere ihres Vaters miteinander verbunden sind. Wenn das eine wieder funktioniert, könnte das andere auch gerettet werden. Und sie ist bereit, alles dafür zu tun.

Von Hurricanes, Ölkatastrophen und Verfall gezeichnet, spielt der Süden Louisianas nicht nur im Film eine tragende Rolle. Der Regisseur beseelt diese Gegend mit kauzigen Charakteren, kindlicher Poesie und viel Fantasie. Sein Debut wurde vom Festivalpublikum in Cannes nicht selten mit einem begeisterten Gesichtsausdruck belohnt. Fast hat man das Gefühl, Spike Jonze, Charlie Kaufman und Miranda July hätten sich hier zusammengetan.

In einem Interview sagt Zeitlin, dass ihm auf dem College einmal der Rat gegeben wurde, nicht mit Kindern, Tieren oder auf dem Wasser zu drehen. Wie gut, dass er sich nicht daran gehalten hat.

BEASTS OF THE SOUTHERN WILD startet am 20. Dezember 2012 in den deutschen Kinos. Wer sich nicht gedulden kann und Lust auf einen Vorgeschmack bekommen hat, kann sich Zeitlins Kurzfilm GLORY AT SEA ansehen oder sich schonmal auf der Webseite einstimmen.