Darf’s ein bisschen mehr sein?

Ab geht’s mit brandheißem Kinofutter und einer visuellen Delikatesse von Haim Tabakman: Einaym Pkuhot- Du sollst nicht lieben (2009).

eyeswideopen

Die Titelgebung schmeckt zwar eher nach einem lauen Fernsehfilm mit Bettina Zimmermann, der Inhalt überzeugt aber und ich freue mich gerade wie ein zwiebelnaschender Pavian, dass dieser Film endlich auch deutsche Kinogefilde bespielt, nämlich ab dem 20. Mai!

Man erinnere sich Ang Lees Brokeback Mountain (2005), schiebe die Handlung nun nach Mea Shearim, also ins ultraorthodoxe Viertel von Jerusalem. Die Cowboys sind in dem Fall ein Fleischer und sein Lehrling. Neugierig? Dann ab in den Trailer:

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Aaron Fleishman (Zohar Shtrauss) führt ein geregeltes Leben. Gerade hat er die Fleischerei seines verstorbenen Vaters wiedereröffnet, engagiert sich in der Gemeinde und sorgt für Frau und vier Kinder. Doch macht ihn sein Leben glücklich? Er funktioniert lediglich.

Erst durch den Studenten Ezri (Ran Danker), der während eines Unwetters in Aarons Laden nach Unterschlupf und Arbeit sucht, entkommt er der Lethargie seines Alltags.
Ezris Andersartigkeit sickert schnell durch die Gemeinde, schneller als Aaron merkt, was in ihm vorgeht. Eine gewisse Spannung an der Fleischtheke ist nicht zu leugnen. Zunächst sieht er in der Versuchung eine Prüfung seines Glaubens.

Wird er widerstehen? Will er? Minimale Mimikdifferenzen in Aarons bärtigem Gesicht lassen erahnen, was in ihm vorgeht. Dass diese Liebelei in der Gemeinde und für Aarons Frau Rivka (Tinkerbell) eine Unmöglichkeit darstellt, ist klar. Wie sich Aaron entscheiden wird, nicht

Im Gegensatz zu Filmen von Eytan Fox wie Yossi & Jagger (2002) oder The Bubble (2006), die sich Tel-Aviv als Kulisse nehmen, lassen die engen Gassen von Mea Shearim kaum Platz für queere Gedanken.

Tabakmans ästhetisierte Bildkompositionen erlauben eine Distanzierung, die den filmischen Realismus entschärft, und das Werk beispielsweise von Trembling before G-d (2001), einem ähnlich verorteten Dokumentarfilm abhebt. Zwar bietet sich der Einsatz von Melodramatik an, aber Tabakman entzieht sich- ohne dabei Nüchternheit zu vermitteln.

Er nimmt sich Zeit. Zeigt, ohne zu polemisieren. Die Bilder, die uns Kameramann Axel Schneppat auf die Augen wirft, wirken reduziert, kraftvoll und einnehmend. Um innere und äußere Konflikte authentisch zu gestalten, hat Tabakman sich von Homosexuellen und Ultraorthodoxen beraten lassen, dazu gibt’s hier ein interessantes Interview.

Fazit: Schöne Bilder, die auch lange nach Filmgenuss im Kopf bleiben und wohlplatzierter Konfliktstoff, der abseits der unmittelbaren Thematik universelle Werte behandelt, ergeben ein sehr sehenswertes Regiedebut, Chapeau! [rating=5]

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