A Serious Man

Ab geht’s mit koscherer Filmkost von den Coen Brüdern: A Serious Man (2009) handelt von einem Mann, dessen Welt ohne sein Zutun einfach so und Stück für Stück zusammenbricht.

Darf trotzdem gelacht werden? Ja, denn gerade in der Ambivalenz von Tragik und Komik blüht der subversive Humor der Coens auf und entfaltet seine Pracht innerhalb unseres Zwerchfells.

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1967, Larry Gropniks (Michael Stuhlbarg) Leben geht langsam aber beständig in die Brüche. Kurz vor seiner Verbeamtung als Physikprofessor kursieren Schmähbriefe am Lehrstuhl. Sohn Danny (Aaron Wolff) hört Radio und kifft, statt im Hebräischunterricht aufzupassen. Tochter Sarah (Jessica McManus) bedient sich an seinem Geldbeutel, um sich eine Nasenkorrektur finanzieren zu können. Ehefrau Judith (Sari Lennick) betrügt ihn mit einem Freund der Familie und der geistig verwirrte Bruder Arthur (Richard Kind) wohnt in seinem Badezimmer. Zum Glück gibt es einige Rabbis in der jüdischen Gemeinde seines Heimatstädtchens in Minnesota, die er um Lebenshilfe bitten kann. Na dann, Masel Tov!

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Während Larry also seinen Studenten die Ungewissheitstheorie näherbringen will, rüttelt Hashem gewaltig an seinem kleinbürgerlichem Alltag. Aus dem fürsorglichen Familienvater und korrekten Physikprofessor wird ein Wrack, dessen berufliches und privates Leben wie durch Knopfdruck aus den Bahnen des Erfolgs gehebelt wird. Ob das ungerecht ist?  Naja, Larry sagt es selbst, als er beim Aushilfsrabbi seine geistliche Therapierungsodysse startet: The boss isn’t always right, but he’s always the boss. In diesem Fall also die Coen Brüder. Und die scheinen mächtigen Spass am tiefen Fall ihres Protagonisten zu haben.
Mehr Tragik? Bitteschön: Seine Frau will die Scheidung, außerdem soll Larry in ein Motel ziehen. Ein paar Tage später verunglückt der Nebenbuhler jedoch tödlich. Wer muss für die Beerdigungskosten aufkommen? Richtig. In seiner Hilflosigkeit sucht Larry einen weiteren Rabbi auf, der ihm helfen soll, den anschwellenden Lebensballast aufzufieseln. Der Rabbi erzählt ihm die Geschichte eines Kieferorthopäden, der im Gebiss eines Mannes hebräische Zeichen findet, die übersetzt “Hilf mir” bedeuten.

Das beschert besagtem Arzt schlaflose Nächte, sodass er verzweifelt eben jenen Rabbi aufsucht, um ihn um Rat zu bitten. Ob er nun den Menschen helfen solle, möchte er wissen. Na, kann sicher nicht schaden, meint der Rabbi. Danach geht’s dem Kieferorthopäden wieder prächtig. Was diese Parabel soll? Man könnte sie als eine Liebeserklärung an die Sinnfreiheit sehen.

Manche Fragen sind wie Zahnschmerzen, eine Weile beschäftigen sie uns und irgendwann hören sie auf.

Rabbi Nachtner

Die Fragen, die der Film uns beschert, können wir ebenfalls mit Zahnschmerzen vergleichen. Oder wir halten uns an die Worte des Vaters eines versetzungsgefährdeten, asiatischen Studenten. Dieser steht eines Tages auf dem- nicht mehr ganz so ordentlich getrimmten- Rasen des Einfamilienhauses, um den Physikdozenten seines Sohnes zu erpressen. Hat er nun das Kuvert mit Bestechungsgeld auf Larrys Schreibtisch deponiert oder nicht? Please, accept the Mystery.

A Serious Man

Das scheint überhaupt das Mantra des Films zu sein. Oder die Botschaft der Coens, die es satt haben, nach jedem Filmwurf mit hochtrabenden Interpretationsergüssen und Analyseentwürfen beklebt zu werden. In etwa wie der Rabbi, der sich mit den vom Leben gequälten Bittstellern beschäftigen muss und gelegentlich lieber zu den Liedern von Jefferson Airplane summen würde.

Dann eben alles so nehmen wie es ist. Das erfahren wir schon zu Beginn des Films, noch vor dem Prolog, dessen Essenz wir ebenso verzweifelt in irgendeiner Folgesequenz zu verankern suchen:

Receive with simplycity everything that happens to you.

Rashi

Was diesen Film so sehenswert macht, ist neben der großartigen Besetzung sicherlich der latente Humor, den die Brüder uns hier vorführen. Er ist selbst in die tragischten Szenen eingeflochten, sitzt hinter den haarigen Ohrläppchen und schwingt mit jedem Schritt der behäbigen Matronen mit, die A Serious Man, trotz aller Ernsthaftigkeit und dem Fehlen eines Happy Ends zu einem köstlichen Filmgenuss machen. Denn:

Es ist ein großes Missverständnis nicht nur des amerikanischen Kinos, zu glauben, dass Menschen, die lieben, das Recht auf ein Happy End haben. Niemand hat ein Recht auf ein Happy End.

Interview mit Joel und Ethan Coen , DIE ZEIT, 25.09.2008 Nr. 40

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  1. Ping: A Serious Man- ab 13. August auf DVD/Blu-ray | don't panic, it's organic!

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