Chaos regiert.

Schon seit dem 10. September im Kino, waltet Lars von Triers streitbarer Antichrist (2009) jetzt auch hier. Also, tief nach Luft schnappen und Mund zu, Augen auf!

antichrist2Kurz vorab: Ja, die Verstümmelungsszenen sind grausam, die Schauspieler brillieren in ihren Rollen und gute Kritiken findet ihr bei schnitt.de und auf filmzentrale.de. Einen Verriss spendiert außerdem der Freitag. Formal gesehen ist Antichrist rund. Der selbsternannte “beste Regisseur der Welt” schleust uns durch einen monochromen Prolog in perfekt abgestimmter Parallelmontage von Kopulation und Kindstod mit Begleitung von einer herzzerreißenden Händelarie in die 109 Minuten ein. Es folgen vier Kapitel, die ein wiederum schwarz-weißer Epilog abschließt. Den linearen Erzählstrukturen zum trotz, schießen einem haufenweise Fragezeichen an der irritierten Hirnrinde entlang- und jetzt rein in den Trailer:

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Während Er (Willem Dafoe) und Sie (Charlotte Gainsbourg) sich an ihren Körpern erfreuen und leidenschaftlichen Zeitlupensex haben, stürzt ihr wonneproppiger Sohn aus dem Fenster in den Tod. Das Paar wird in eine Krise kattapultiert, die uns in die Abgründe der menschlichen Psyche führen soll.

Sie bricht zusammen, A-typisches Trauerverhalten, heißt es. Weil er Psychater ist, wird sie -dem Kodex zum trotz- zu seiner Patientin erklärt. Das beziehungsinterne Kräfteverhältnis kippt. Ab jetzt wird von jeglicher Medikation abgesehen, denn seine Therapiemethode beeinhaltet die Konfrontation mit der Angst: Der abgelegenen Hütte im “Garten Eden”. Doch die idyllische Natur wird zum verstörenden Austragungsort von Trauer, Schmerz,Verzweiflung und undefinierbarem Beziehungsballast. War der Tod des Sohnes lediglich ein Auslöser und nicht der Grund dieser zwischenmenschlichen Misere?

Während Er versucht, ihr psychotisches Kopflabyrinth zu durchsteigen, dreht Sie durch. “Chaos regiert”, spricht ein halbverwesender Fuchs uns zu. Weitere bedauernswerte Fabeltiere durchkreuzen und semantisieren das filmische Treiben. Es fliest Blut. Geschlechterrollen werden scheinbar plakativ eingesetzt. Mit einem blasierten Lächeln und von Triers angeblicher Frauenfeindlichkeit im Nacken schauen wir zu, wie Sie sich mit der bösen Natur des weiblichen Geschlechts identifiziert, weil ihr Dissertationsthema von “Gynozid” im Mittelalter handelte. Konsequent passt da die Selbstverstümmelung der Fortpflanzungsorgane, die das irregewordene Weib an sich und ihrem Mann ausübt. Die Strafe für den verheerenden Sieg von Emotion über Vernunft, oder eben nur die logische Eintracht mit der Niedertracht ihrer weiblichen Natur? Schließlich ist “die Natur Satans Kirche”…

Die medial verschrienen Sex- und Gewaltszenen wirken jedenfalls wie geplante Tabubrocken, abrupt und aggressiv, Provokation ohne Aussage. Pure Ablenkung von der eigentlichen Haltlosigkeit dieser filmischen Konstruktion? Dafoe und Gainsbourg versuchen bissige Dialoge zu inszenieren, durch die sie die Pathologie ihrer Beziehung auseinandernehmen. Mehr davon hätte dem Film auch mehr Halt verliehen. So verläuft er sich in prahlerischen Gewaltattacken und löchrigem Inhalt. Die Distanz, die dadurch in der Rezeption entsteht, vergegenwärtigt die Bodenlosigkeit des Werks nur noch stärker. Vielleicht ist der Film auch nur als Resultat eines Therapieversuchs des depressiven Regisseurs zu sehen. Ein Produkt der eigenen Labilität. Keine Antworten, nur bildgewordene Ausbrüche einer leidenden Psyche. Chaos regiert.

Antichrist reizt in viele Richtungen, aber lässt alles und nichts offen. Wer auf Heile-Welt-Filmchen steht, ist hier jedenfalls nicht gut aufgehoben- auch wenn viel Natur dabei ist. Das Schauspiel ist groß, aber pure Provokation zeigt sich als morscher Baustoff für einen soliden Film.

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