Brügge sehen…und sterben?

Ab geht’s mit neuen und wiederentdeckten filmischen Auswüchsen. Bitte nicht vom bescheuerten Filmtitel abschrecken lassen!


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Manche Städte haben etwas Magisches, Geheimnisvolles und unbeschreiblich Schönes an sich, sodass man am liebsten für alle Ewigkeit dort bleiben würde. So auch Brügge. Brügge? Was für den einen ein kulturelles Prachtstück, ist für den anderen ein Scheißloch. Brügge polarisiert:  Für den misepetrigen Nachwuchskiller Ray (Colin Farell) ist die belgische Kleinstadt mit den nebligen Gassen, pittoresken Kanälen und mittelalterlichen Kirchen jedenfalls der letzte Ort zum Leben. Dennoch soll er dort mit seinem väterlichen Kollegen Ken (Brendan Gleeson) zwei Wochen lang untertauchen und auf den nächsten Auftrag warten. Während Ken also fasziniert Kunst und Kultur in sich aufsaugt, findet Ray erst Gefallen an der Stadt, als er die charmante Belgierin Chloë (Clémence Poésie) kennenlernt.

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Aber halt, zurück, da war noch was: Untertauchen müssen die beiden nämlich, weil Ray’s letzte Kugel daneben ging und versehentlich einem kleinen Jungen das Leben kostete. Und weil der mürbe Ire nicht gänzlich skrupelfrei ist, plagt ihn ein ziemlich schlechtes Gewissen, Suizid nicht ausgeschlossen. Das findet sein prinzipientreuer Chef Harry (Ralph Finnes) auch gerechtfertigt und setzt einen Auftragskiller auf ihn an. Wer kann das wohl sein? Ab in den Trailer:YouTube Preview Image

Zugegeben, der tiefschwarze Humor dürfte einigen so schwer im Magen liegen, wie Omas Bohneneintopf mit Würstchen. Schließlich sieht man nicht in jedem Film einen Kleinwüchsigen, der mit amateurhaften Karateschlägen kampfunfähig gemacht wird, kurz nachdem er unter Koksundnutteneinfluss haufenweise rassistische Hypothesen aufstellen durfte.

Mit seinem 103-minütigen Regiedebut kann sich der frühere Theaterautor Martin McDonagh mit Gangsterfilmkoryphäen wie Guy Richie und Tarantino messen. Er schafft es nicht nur, brisante Moralkonflikte zwischen ansonsten wertetechnisch fragwürdigen Ganoven zu inszenieren und diese problemlos neben bitteren Pointen existieren zu lassen, sondern auch die Publikumserwartung mit intelligent konstruierten Wendungen zu brechen. Zusätzlich zur gelungenen Dramatrugie besticht die Gangsterkomödie besonders durch die schauspielerische Leistung ihrer gutgewählten Darsteller. Ansonsten eher für Coolness und tiefsitzende Augenbrauen bekannt, beseelt Colin Farell den schrulligen Brüggebanausen Ray mit einem feinen Charaktercocktail aus lebenshungrigem Temperament, nagender Reue und bissigem Witz. Auch Ralph Finnes überzeugt als etwas kauziger, aber wortgewandter Gangsterboss und sorgt mit dem ausgezeichneten Brendan Gleeson für einen spannenden Showdown.

Hier ein Dialogausschnitt der beiden:

Ken: Harry, let’s face it. And I’m not being funny. I mean no disrespect, but you’re a cunt. You’re a cunt now, and you’ve always been a cunt. And the only thing that’s going to change is that you’re going to be an even bigger cunt. Maybe have some more cunt kids.
Harry: [furious] Leave my kids fucking out of it! What have they done? You fucking retract that bit about my cunt fucking kids!
Ken: I retract that bit about your cunt fucking kids.
Harry: Insult my fucking kids? That’s going overboard, mate!
Ken: I retracted it, didn’t I?

Aufgepasst, nach Filmgenuss kann akutes Brüggefernweh eintreten.

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