Das weiße Band

Ab geht’s mit neuem Filmstoff frisch aus der Filmfestpresse!

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Wenn die Kinder des Priesters Unfug und Unzucht trieben, bekamen sie früher von ihrer Frau Mama ein weißes Band umgebunden, es sollte sie an Demut, Unschuld und Integrität erinnern und ihnen gewisse moralische Werte vermitteln. Dass solch autoritäre Erziehungsmethoden gerne fehlschlagen, sieht man nicht nur hervorblitzen, als eines jener Kinder den niedlichen Kanarienvogel des Herrn Papa mit einer Bastelschere einen tödlichen Hieb verpasst und zur Ansicht sorgsam auf den Schreibtisch des Vaters platziert. 

Michael Haneke führt uns in seinem in Cannes mit der goldenen Palme beehrten Gesellschaftskonstrukt Das weiße Band- Eine deutsche Kindergeschichte in die Abgründe einer protestantischen Dorfgemeinschaft im idyllischen Vorkriegsdeutschland. Dort erwarten den Zuschauer 144 Minuten düstere Filmkunst vom Feinsten. Linear und doch vielschichtig erzählt der Dorflehrer (Christian Friedel) wie alles anfing, doch vorher werfen wir einen verstohlenen Blick in den Trailer:

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Der Dorfarzt (Rainer Bock) hat einen Reitunfall, kein Zufall, sondern bitterböse Intention. Sein Pferd stolpert mit ihm über ein gutverstecktes Drahtseil auf hauseigenem Grundstück. Wer begeht solche Taten? Zwei Kinder des Dorfpriesters (Burghart Klaußner) laufen jedenfalls nach dem Vorfall weißbändig umher. Eine Frau stirbt bei einem Arbeitsunfall, der Baron (Ulrich Tukur) wird dafür verantwortlich gemacht. Sein engelsgleicher Sohn wird eines Tages bäuchlings, striemenbedeckt und völlig verstört aufgefunden. Auch Karli, den behinderten Sohn der Hebamme, findet man mit zerkratzten Augen im Wald wieder.

Rohe Gewalt wird angedeutet, ihr Ergebnis flüchtig präsentiert, die Ursachen scheinen mehrfach ungesättigt, die Atmosphäre ist vergiftet. Hinter der Kamera sorgt Christian Berger für präzise, einprägsame Mise en Scène, das Monochrome entfaltet bergmaneske Wirkung und besprießt die idyllische Dorflandschaft mit einer bemerkenswerten Beklommenheit. Ein ästhetischer Genuss!

Die Ausgeburt dieser feudalgeprägten Gesellschaft ist nur Spiegel ihrer selbst. Deutlich wird die strukturelle Perversion besonders in der Person des Dorfarztes, für den man eben noch voreiliges Mitleid zusammenkratzen wollte, als er vom Pferde fiel. Eben jenen erlebt man später im wohl erbarmungslosesten Dialog des Films, einem Gespräch mit der Hebamme (Susanne Lothar), seiner ausgedienten Langzeitgeliebten, hier eine unvollständige Rekonstruktion:

Arzt: Du bist nicht nur alt, hässlich und ausgeleiert, sondern stinkst auch noch aus dem Mund. Hast du denn gar kein Ehrgefühl?

Hebamme: Neben dir kann man sich sowas gar nicht leisten. Ich habe zwei behinderte Kinder, du bist das Schwierigere von beiden.

Arzt: Warum stirbst du nicht einfach?

Wesentlich fruchtbarer gedeiht indes die Beziehung des Droflehrers zu seiner scheuen Verlobten Eva (Leonie Benesch, großartig). Überhaupt, scheint der Lehrer als Einziger auf der karg bevölkerten, moralisch gefestigten Seite zu leben. Das als Drama eingestufte Werk, lässt sich meiner Meinung nach eher einem subtilen Horrorgenre zuordnen. Trotz der Darstellung faschistoider Handlungen, versucht Haneke keinen zwangsläufigen Bezug zu Deutschland und dessen Weg in den ersten und zweiten Weltkrieg herzustellen. Vielmehr soll das Konstrukt ortsungebundene, gesellschaftliche Abgründe aufzeigen.

Zwar wirken die Dialoge durch die zeitliche Verortung teilweise streng und unnatürlich, zudem mangelt es einigen Laiendarstellern an schauspielerischer Überzeugungskraft, jedoch entrückt das nicht die abgründige Faszination des einnehmend-unangenehmen Lichtspiels. Wer den Verstörungsfaktor möglichst gering halten will, sollte diesen Film bei schönem Wetter und tagsüber anschauen. Ab 15. Oktober im Kino.

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